GA-Serie "Rheinische Redensarten": Wie de Herr su et Jeschärr

GA-Serie "Rheinische Redensarten" : Wie de Herr su et Jeschärr

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Manchmal muss man tief in die Geschichte abtauchen, um zu erklären, was eine rheinische Redensart bedeutet. Hier handelt es sich um einen Satz, den die meisten kennen dürften: „Wie de Herr, su et Jeschärr.“

Die Wendung ist unmittelbar verständlich, weil es sie im Hochdeutschen praktisch genau so auch gibt: Wie der Herr, so's Gescherr (oder genauer: Geschirr). Diese Lebensweisheit existiert so oder ähnlich in sehr vielen Sprachen, was zunächst einmal ein sicherer Hinweis darauf ist, dass die Aussage evident ist und gewissermaßen eine anthropologische Konstante darstellt.

Ob Rheinisch, Hochdeutsch oder Russisch – das Sprichwort geht wohl auf den altrömischen Satz „Plane qualis dominus, talis et servis.“ zurück und bedeutet: Wie der Herr so auch der Sklave. Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass um des Reimes willen das Gescherr hinein kam. Dies bezeichnet das Geschirr, in dem der Untergebene angeschirrt ist.

Schon für das Altgriechische ist diese Aussage inhaltlich verbürgt als „Wie die Herrin so die Hündin“. Gemeint ist ganz offensichtlich, dass sich der Charakter der Eltern an dem Verhalten ihrer Kinder ablesen lässt. Ebenso ähneln sich Sklaven und Herren, Hund und Herrchen, Chef und Mitarbeiterin in der Art und Weise der Interaktion.

Einmal ganz davon abgesehen, dass dieser Befund meist abwertend gemeint ist, darf man ruhig fragen, warum dem so ist. Denn wie schon erwähnt, gilt der Satz nicht nur im Rheinland. Im Hochdeutschen wird auch gerne gesagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Das öffnet eine uralte psychologische und pädagogische Grundsatzdiskussion.

Sind für das Verhalten und den Charakter eher die Gene oder eher die Umwelt verantwortlich? Die Wissenschaft hat zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Antworten darauf gefunden. Für die eigenen Kinder gilt aber natürlich beides, sie haben in der Regel sowohl die determinierenden Gene als auch die erzieherischen Maßnahmen ihrer Erzeuger mitbekommen.

Kein Wunder, dass man da viel wiedererkennt. Heute weiß man ja auch, dass die Kinder am meisten durch Nachahmung lernen und weniger durch Anleitung. Alles deutet also auf die Gleichheit von Herr und Gescherr hin!

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.

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