Wenn fallende Blätter Stress auslösen

Wenn fallende Blätter Stress auslösen

Im Johanneshaus in Roisdorf trainieren psychisch Erkrankte, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen

Bornheim-Roisdorf. Als der kleine Sohn von Jutta S. einen Herzfehler diagnostiziert bekam, ist etwas passiert in der 35-Jährigen. Etwas, das auch kein Arzt operieren könnte: Ihre Psyche nahm Schaden. Vielleicht hat der Schock auch nur hervorgebracht, dass Jutta immer schon ein Problem mit sich herum trug, ohne selbst davon zu wissen.

Sie wurde immer unruhiger, konnte Unordnung nicht mehr ertragen, reagierte zunehmend aggressiv auf ihre Umwelt. Jutta S. suchte Hilfe, kam wegen psychischer Erkrankung zur Therapie, lebte in Mutter-Kind-Einrichtungen in ganz Deutschland, reiste durch diverse Kliniken - und kam nach vielen Therapiesitzungen nach Roisdorf. Dort am Siefenfeldchen steht das Johanneshaus der gemeinnützigen Johanneshaus-Gesellschaft, betrieben von Maltesern und Johannitern.

Die Einrichtung bringt bis zu elf Bewohner in zwei Reihenhäusern unter, die sich von den Nachbarhäusern nicht unterscheiden. Auch Innen sieht es nicht anders aus als bei einer Durchschnittsfamilie.

Das Johanneshaus Das Johanneshaus wird betrieben von der gemeinnützigen Malteser Johanniter Johanneshaus-Gesellschaft. Den Aufenthalt der Bewohner zahlen größtenteils überörtliche Sozialhilfeträger wie der Landschaftsverband Rheinland. Mehr Infos unter www.johanneshaus.dePflanzen stehen auf den Fensterbänken, im Wohnzimmer lädt eine Sofagruppe vor dem Fernseher zum Entspannen ein, auf den Regalen liegen Gesellschaftsspiele. Die Küche wird täglich genutzt, die Schlafzimmer sind individuell eingerichtet.

Den Unterschied machen Helena van Heel-Aydin und Oliver Kurtenbach aus. Die Sozialpädagogin, der Erzieher und zwei weitere Kollegen kommen jeden Tag ins Haus und betreuen die Bewohner. Das Ziel: sich selbst überflüssig machen, wenn die Betreuten auf eigenen Füßen stehen können. Zum Bleiben wird keiner gezwungen. "Wir sind hier keine geschützte Einrichtung, unsere Tür steht immer offen", erklärt van Heel-Aydin.

Auch die Teilnahme am Tagesablauf ist freiwillig. In den Kliniken geht es strenger zu, was je nach Erkrankung auch dringend nötig ist. Niemand weiß das besser als Gerd W., der seit der Eröffnung des Johanneshauses vor neun Jahren in Roisdorf lebt. "In der Klinik gab es mit Einzel- und Gruppengesprächen sowie anderen Therapieformen so viel zu tun, das war schon fast Stress", blickt er zurück.

Trotzdem ist er dankbar für die Hilfe, die er dort bekam. Ohne Behandlung hätte ihn seine Depression das Leben gekostet. "Meine Schwester hatte mich eines Tages spontan in meiner Wohnung besucht und entdeckt, dass ich den ganzen Tag lang die Jalousien unten hatte, das Telefon abgedeckt war und ich mich teilweise nur noch von Äpfeln ernährte, die im Garten am Baum hingen."

Auf 46 Kilogramm war er damals abgemagert. Heute wiegt er wieder mehr, sieht gesund aus und ist im Roisdorfer Johanneshaus mit 66 Jahren der Älteste. Die Jüngste ist 20 Jahre alt.

Beruflich sind ebenso Akademiker wie Unausgebildete unter den Bewohnern, sie kommen aus ganz Deutschland. Dennoch gestaltet sich das Zusammenleben der bunt zusammen gewürfelten Gruppe relativ harmonisch. Nicht trotz, sondern wegen der psychischen Krankheiten: Jeder weiß, was in dem anderen vorgeht, wenn er eine Psychose hat. "Meist kündigt sich das schon Tage vorher an", wissen Heel-Aydin und Kurtenbach.

Die Wände rücken näher, Stimmen anderer Menschen zertrümmern die Nerven - selbst wenn niemand im Raum ist. "Und zuletzt stört selbst das Geräusch fallender Blätter im Garten", zitiert Heel-Aydin aus Gesprächen, die sie mit diesen "hoch-vulnerablen" Bewohnern geführt hat.

Bei gesunden Menschen beseitigt ein unbewusster "Filter" im Hirn solche Störfaktoren, aber bei psychisch Kranken funktioniert dieser Filter nicht mehr. "Nicht immer geht es um eine Heilung, sondern darum, das Leben mit der Krankheit zu trainieren."

Doch selbst wenn das gelingt, haben die Bewohner eine letzte große Stufe zu nehmen: Die Suche nach einer eigenen Wohnung. "Die Vorurteile sind groß", musste Jutta S. erfahren. Sobald sie Vermietern ihre psychische Erkrankung offenbart, ist das Gespräch beendet. "Solche Absagen zerstören die Euphorie, den Absprung gewagt zu haben", sagt Kurtenbach.

Ein Jahr ist Alina G. auf der Suche, obwohl sie bereits Arbeit hat und dort als besonders flexibel und zuverlässig gilt. Die anderen Bewohner sind noch nicht so weit, arbeiten im Second-Hand-Kaufhaus "Hannes" in Bornheim oder in den Gemeinnützigen Werkstätten in Bonn. Und an sich selbst. Im Johanneshaus haben sie dafür alle Zeit der Welt.

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