Wenn die Retter nicht mehr "funktionieren"

Wenn die Retter nicht mehr "funktionieren"

Helfer des THW Bornheim bilden Team zur psychischen Hilfe bei extremer Belastung

Bornheim-Waldorf. Schreie, Blut, überall Trümmer - bei einer Katastrophe wie dem Terroranschlag in den USA stürzen Eindrücke auf Augenzeugen ein, für die der menschliche Geist nicht gemacht wurde. Stundenlang müssen sich trotzdem die Helfer, die nicht den Ort des Geschehens verlassen dürfen, dieser Belastung aussetzen, müssen das Leiden und Sterben von Menschen miterleben und dürfen doch nicht aufhören zu arbeiten, müssen "funktionieren". Eine Weile lang halten das stabile Psychen noch aus, doch irgendwann ist Schluss - irgendwann nach dem Einsatz bricht sich die Belastung frei aus dem Käfig unterdrückter Emotionen. Albträume, Nervosität und - im schlimmsten Fall - ernsthafte Psychosen können die Folgen sein.

Doch nicht nur die Helfer in den USA kennen diesen Druck, in dem der Fluchtinstinkt immer wieder verzweifelt gegen Rationalität und den Willen zur Helfen anrennt. Auch Deutsche machten entsprechende Erfahrungen: Beispielsweise nach den Zugunglücken in Eschede oder in Brühl. Zahlreiche Feuerwehrleute, THW-Mitglieder oder Sanitäter waren dort im Einsatz, um sich um die Opfer des Unglücks zu kümmern. Doch wer kümmert sich um sie selbst, die Helfer? Jetzt zeigte Joachim Müller-Lange im Auftrag des THW Bornheim, wie sich die Retter gegenseitig helfen können: "Stressbearbeitung bei belastenden Ereignissen" lautete der Titel des Kurses, zu dem etwa ein Dutzend Teilnehmer ins THW-Heim in Waldorf gekommen waren.

"Die Methode ist in den USA entwickelt worden, dort spricht man von Stress-Management", erklärte der evangelische Theologe Müller-Lange aus Niederkassel. Das Interesse daran sei in Deutschland besonders nach dem Großbrand im Düsseldorfer Flughafen und nach Eschede gewachsen, als die Rettungskräfte mit besonders großen Belastungen zu kämpfen hatten. "Denn Albträume, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Gereiztheit und das Wiedererleben der Sinneseindrücke gehören zu den normalen Reaktionen nach solchen Einsätzen", wusste der Referent zu berichten.

"Ich habe das bei einem Rettungswagenfahrer einmal erlebt", konnte Seelsorger Horst Geuß berichten: "Er musste innerhalb kurzer Zeit dreimal das Sterben eines Patienten miterleben und war extrem gereizt - da reichte dann ein Antippen und er explodierte, wollte nur noch weg von der Arbeit." Problematisch sei besonders, dass solche Reaktionen nicht als "normal" erlebt würden, meinte Müller-Lange: "Viele glauben dann von sich, sie würden verrückt, da niemand auf solche Erfahrungen vorbereitet ist."

So sei auch für solche Not eine Erste Hilfe erforderlich: Innerhalb von acht Stunden nach Einsatzbeginn, spätestens aber nach drei Tagen, sollte den Betroffenen geholfen werden. "Das geht am besten mit Stützen durch Kollegen, die ihren Kameraden zur Seite stehen", so Müller-Lange. Zunächst sollten die Belasteten schon während des Einsatzes an ihrem Verhalten erkannt und frühzeitig aus dem Verkehr gezogen werden, um niemanden zu gefährden. Eine einfache Erklärung, dass die Stressreaktion verständlich und normal sei, könne dann schon helfen. Einzelgespräche, strukturierte Gruppengespräche in Zusammenarbeit mit psychosozialen Fachleuten, also Psychologen und Seelsorgern, seien dann die nächsten Schritte.

"Natürlich will ich aus den Teilnehmern keine Psychologen machen", zeigte sich Müller-Lange realistisch, immerhin saßen größtenteils freiwillige Arbeiter vor ihm. Vielmehr solle in dem viertägigen Kursus ein regionales Team gebildet werden, das sein Wissen an die Kollegen weitergeben und im Krisenfall direkt helfen kann.

Der 23-jährige THW-ler Simon Fischer kennt die psychische Last: "Nach Brühl dachte ich eigentlich, ich hätte alles gut überstanden, auch wenn ich die neun Stunden Einsatz wie zwei Stunden empfand und mich hinterher nur an einzelne Bilder, aber nicht an den eigentlichen Ablauf erinnern konnte. Ich habe funktioniert. Aber nach einem halben Jahr, als ich im Bad zufällig von rotem Haarfärbemittel benetzte Gummihandschuhe lagen sah, erinnerte ich mich plötzlich an die blutigen Sanitäter-Handschuhe auf dem Brühler Bahnsteig - da konnte ich erstmal nur eine Weile lang geschockt dasitzen und gar nichts mehr machen."

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