An die Hand nehmen: Weihnacht in Bad Neuenahr-Ahrweiler

An die Hand nehmen : Weihnacht in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Dechant Jörg Meyrer schreibt über die Festvorbereitungen und ein Weihnachtserlebnis im Sommer in Tansania. Nach "unter der Brücke" und "in der Tiefgarage" wird dieses Jahr im Apollinaris-Stadion gefeiert.

Für einen Seelsorger, eine Seelsorgerin beginnen die Weihnachtsvorbereitungen nicht erst im Advent. Predigten, Gottesdienste, Meditationen, der Rote Faden – das alles braucht eine längere Vorlaufzeit. Dieses Jahr ging es noch früher los als sonst: Schon vor den Sommerferien haben wir uns mit Menschen getroffen, die bei „Weihnachten überall“ mitmachen wollen.

Die Idee: In jeder der Kirchen und Kapellen der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler gibt es an Heiligabend einen Gottesdienst – und das wird auch klappen. So haben kleine Gruppen bei 30 Grad im Sommer auf der Veranda gesessen und überlegt, wie sie mit ihren Nachbarn aus dem Ort Weihnachten feiern wollen.

Auch die Suche nach einer coolen Location für „Weihnachten anders“ geht früh los. Nach „unter der Brücke“ und „in der Tiefgarage“ werden wir dieses Jahr im Apollinaris-Stadion feiern. Die unter dem Motto „Gott kommt ins Spiel“. Die Absprachen mit der Stadtverwaltung und den Mitarbeitenden waren wie immer wohlwollend und entgegenkommend.

So geht Weihnachten schon lange mit mir: „Weihnachten überall“ – wo genau? „Gott kommt ins Spiel“ – merke ich das in meinem Alltag?

Mir ist der kleine Junge im Gedächtnis geblieben, der auf den Schultern seines Vaters im Herbststurm Blätter gefangen hat, - mit einem Strahlen im Gesicht: ein Weihnachtsbild.

Und der Syrer, der endlich eine Arbeit hat, mit der er für seine Familie sorgen kann: ein Weihnachtsmoment. Die junge Frau, die aufhört zu weinen, als sie ihre komplizierte Situation ein klein wenig versteht: ein Weihnachtstrost. Der strahlend-kalte Novembermorgen, in dem das Ahrtal noch mal friedlicher, schöner ist: ein Weihnachtsort. Die Familie, die im Gespräch vor der Beisetzung über die Erinnerungen und besonders über die Eigenarten der Mutter auch mal herzlich lachen kann: ein Weihnachtslicht.

Weihnachten überall

Aber eigentlich ist das weihnachtlichste meiner Bilder aus 2018, das hier abgedruckte. Es ist in Tansania gemacht, im Mai, während einer Reise mit 52 Deutschen und Schweizern, die auch einen Sponsoringlauf auf dem Programm hatte.

Der kleine Junge, dessen Namen ich nicht kenne, hatte den gleichen Weg wie die siebenjährige Huruma, die wir (drei aus unserer Gruppe) nach Hause zu ihrer Familie begleitet haben. Er ging voraus: querfeldein, durch Maisfelder, auf immer schmaler werdenden Pfaden, durch Gebüsch, und über Wasserläufe. Ich dachte: Nie werden wir den Rückweg finden. Er nahm mich an der Hand, oder eigentlich am Finger. Und zeigte mir so: „Ich kenne den Weg. Ich weiß, wo es langgeht. Du kannst dich auf mich verlassen. Ich meine es gut mit dir, komm nur mit.“

Als ich das Bild zu Hause angeschaut hab, kamen mir fast die Tränen bei diesem Knirps, der in völliger Armut lebt und der uns Fremde überhaupt nicht kannte. Der uns aber geholfen hat, ganz selbstverständlich. Ein ziemlich deutliches Weihnachtsbild für mich: Gott, der sich im Kleinen zeigt. Unerwartet. An meiner Seite. Leicht zu übersehen. Unaufdringlich.

So möchte ich Weihnachten mitnehmen ins Neue Jahr. In den Alltag: Gott entdecken, der in unserem Leben mitspielt. Weihnachten überall.

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