Gedenkstele in Miel

Bollwerk gegen das Vergessen

SWISTTAL-MIEL. Es ist Samstagmorgen, 9. August 2014, 73 Jahre später. In der heutigen Swistaue nahe Lützermiel gegenüber der Stelle, wo der Galgen stand, haben sich rund 150 Menschen versammelt. Am Rand des Weges entlang der Swist wird eine Stele zum Gedenken an Wujciakowski enthüllt.

Es ist der frühe Morgen des 9. August 1941. In der Sandgrube bei Miel, damals ein Lager des Reichsarbeitsdienstes, steht ein Galgen. Wegen "verbotenen Umgangs mit einem deutschen Mädchen" wird der 32-jährige polnische Zwangsarbeiter Anton Wujciakowski um 7.34 Uhr erhängt. Ohne ordentliches Gerichtsverfahren auf Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes von der Staatspolizeiaußenstelle Bonn. Zahlreiche andere Zwangsarbeiter müssen zusehen.

Es ist Samstagmorgen, 9. August 2014, 73 Jahre später. In der heutigen Swistaue nahe Lützermiel gegenüber der Stelle, wo der Galgen stand, haben sich rund 150 Menschen versammelt. Am Rand des Weges entlang der Swist wird eine Stele zum Gedenken an Wujciakowski enthüllt. Geschaffen hat den Stein aus Anröchter Dolomit der Swisttaler Steinmetz Horst Bürvenich.

Die Spender - neben der Stiftung "Gedenken und Frieden" des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) ein Kreis von Privatpersonen - sowie die Gemeinde Swisttal wollten ihm damit ein Stück seiner Würde zurückgeben, sagte Mitinitiator Benno Willers, der auf das Schicksal von Wujciakowski bei seinen Recherchen zum Kriegsalltag in Buschhoven gestoßen war. "Dieser Stein soll uns aufmerksam machen, dass uns von der nationalsozialistischen Vergangenheit mit ihrem Rassenwahn nur siebzig Jahre, soviel wie ein Menschenleben, trennen. Er möge ein Bollwerk gegen das Verdrängen und Vergessen sein", so Willers.

Swisttals Vize-Bürgermeister Robert Datzer erinnerte daran, dass der Rheinbacher Historiker und Mitarbeiter des Bonner Stadtmuseums, Horst-Pierre Bothien, 2008 angeregt hatte, ein "dauerhaftes Zeichen des Gedenkens" für die in den Kommunen der Region gewaltsam zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter zu setzen. Nach Recherchen von Gemeindearchivarin Hanna Albers und Willers waren die politischen Gremien Swisttals der Anregung mit einstimmigen Beschlüssen Ende 2013 gefolgt. Für den VDK sagte der Beauftragte für Kriegsgräberfürsorge in NRW, Wolfgang Held, dass dieser Tag und diese Stele "Anklage und Verpflichtung zugleich" seien.

Andrzej Dudzinski, polnischer Vizekonsul und Leiter des Auslandspolenreferates des polnischen Generalkonsulats in Köln, erinnerte daran, dass im Zweiten Weltkrieg mehr als zwölf Millionen Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt wurden, davon 2,8 Millionen aus Polen. Letztlich sei es unser "aller Auftrag, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen und sie nicht zu vergessen", so Dudzinski. Die Seelsorger der evangelischen und katholischen Kirche, Ernst Edelmann, Herbert Bohl und Pater Piotr Piatek, sprachen Gebete. Unter den Anwesenden war auch Zeitzeuge Heinrich Schlösser, Jahrgang 1935. Er hatte ein Foto dabei, das einen Zwangsarbeiter auf dem elterlichen Hof zeigt, von dem er nur noch den Vornamen Lukas weiß und dass er aus Lodz kam. "Ich habe gehört, wie meine Eltern ihn fragten, was mit ihm los sei, so bedrückt kenne man ihn sonst gar nicht. Da hatte Lukas erzählt, was passiert war und dass er die gefesselten Hände des gerade Erhängten hätte berühren müssen", schilderte Schlösser.

Nach Willers Recherchen war der 1909 geborene Wujciakowski von 1940 bis 1941 Zwangarbeiter bei Bauer Peter Abel im Wohnweiler Hohn. Ihm wurde ein Verhältnis zu einer 26-Jährigen unterstellt. Darauf stand die Todesstrafe. Beide bestritten den Vorwurf, der auch nach einer ärztlichen Untersuchung der jungen Frau nicht nachgewiesen wurde. Während die Frau nach drei Tagen freigelassen wurde, konnte auch die Intervention von Bauer Abel bei der Gestapo Wujciakowski nicht helfen. Er wurde am 9. August 1941 gehängt. Sein Leichnam wurde zum Anatomischen Institut nach Bonn gebracht und erst am 30. April 1942 auf dem Nordfriedhof beerdigt.