Gedenken an ermordete jüdische Nachbarn

Rheinbach bekommt die ersten Stolpersteine

Rheinbach. Nach acht Jahren politischer Debatte sind die ersten Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete Rheinbacher Juden verlegt worden. 150 Menschen kamen zur Gedenkstunde.

Vier weiße Rosen liegen scheinbar achtlos auf dem Bürgersteig. Wer sich auf der Rheinbacher Hauptstraße allerdings kurz Zeit nimmt, seine vorweihnachtliche Hatz nach Geschenken für einen Moment zu unterbrechen, sieht, dass unter den Blumen Buchstaben und Zahlen zum Vorschein kommen. Es sind die Namen von vier während der Nazizeit aus Rheinbach deportierten und ermordeten Nachbarn jüdischen Glaubens.

Die Zahlen auf der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafel verraten, wann diese Menschen zur Welt kamen und wann ihnen das Leben wieder genommen worden ist. Viele Passanten recken die Hälse und sehen beeindruckt zu, wie der Kölner Künstler Gunter Demnig auf dem Bürgersteig kniend die vier Stolpersteine ins Straßenpflaster einlässt, die an das Schicksal von Regina, Hermann Josef, Selma und Max Geisel erinnern.

Es sind die ersten 14 von 36 Gedenksteinen, die an ermordete Juden Rheinbachs erinnern. Im September dieses Jahres hatte der Rat mehrheitlich dafür gestimmt, Stolpersteine verlegen zu können (der GA berichtete). Acht Jahre währte die kontroverse politische Debatte.

Erleichterung bei Bürgermeister Raetz

Und so schwingt Erleichterung in der Stimme von Bürgermeister Stefan Raetz mit, wenn er während einer Gedenkfeier im Foyer des Rheinbacher Rathauses von der enormen Symbolkraft spricht, die von den Stolpersteinen ausgeht. „Wenn wir sie sehen, sollen sie uns mahnen. Sie mahnen, dass sich dieser Hass und die Taten, die aus ihm erwachsen sind, nicht wiederholen“, sagt Raetz. Rund 150 Menschen sind zu der Gedenkstunde gekommen. Niemand hatte mit so einer hohen Resonanz gerechnet. Der Verwaltungschef dankt vor allem allen Spendern, die eine finanzielle Patenschaft für die Gedenksteine übernommen haben.

Beeindruckt vom großen Interesse der Bevölkerung zeigt sich Künstler Gunter Demnig, der sich nach der Verlegung von rund 60.000 Stolpersteinen in ganz Europa freut, dass so viele Menschen in das Rathausfoyer gekommen sind. „Es ist ein Geschenk der Bürger an ihre Stadt“, findet Demnig.

Gleichsam als Zeitzeugin der Nazidiktatur tritt Alisa Weil ans Mikrofon, die 85 Jahre alte Ehefrau des im Mai 2015 verstorbenen jüdischen Malers und Holocaust-Überlebenden Manfred Weil. Als sie und ihr Mann 1981 nach Meckenheim zogen, hätten sie lange nicht verstehen können, was sich in der Nachbarstadt Rheinbach tat, warum man sich dort derart lange dagegen gesträubt habe, mit Stolpersteinen der ermordeten jüdischen Nachbarn zu gedenken. „Darum bin ich heute überglücklich und dankbar“, sagt die 85-Jährige hörbar gerührt.

Lob von Hinterbliebenen

Gerne aus Israel angereist wäre Jack Klaber, Nachfahre von Clementine und Hermann Klaber, an deren Schicksal jetzt ebenfalls an der Hauptstraße mit einem Stolperstein gedacht wird. In einem Brief, den Peter Mohr von der Initiative „Rheinbacher Bürger und Bürgerinnen für Stolpersteine“ verliest, lobt Jack Klaber das Engagement Gunter Demnigs, den Opfern nicht nur einen Namen zu geben, sondern sie zurück in die Gesellschaft zu bringen.

Ebenfalls via Brief findet Cindy Ruben lobende Worte für die Entscheidung zur Verlegung der Gedenksteine. Cindy Ruben ist die Tochter von Hannah Ruben, Enkelin der Familie Geisel. Als junges Mädchen ist Hannah oft zu Gast bei ihren Großeltern. Während sie mit ihrer Familie nach Amerika ausreisen kann, kommen die Geisels in einem Vernichtungslager ums Leben. „Wir fühlen eine tiefe Verbindung mit der liebenswürdigen Bevölkerung von Rheinbach“, liest Stadtarchivar Dietmar Pertz aus dem Brief Cindy Rubens vor.

Aktueller denn je ist das, was sich die Schüler von Geschichtslehrer Jan Gerdemann vom Städtischen Gymnasium Rheinbach in ihrem Impuls ersonnen haben: „Stolpersteine zeigen, was passiert, wenn der Hass gewinnt“, sagen sie und halten die Namen der 14 Opfer in die Höhe. „Die einzige Rasse, die es unter Menschen gibt, ist die Rasse Mensch“, heißt es weiter. Und: „Rassismus hat viele Gesichter – und alle sind hässlich.“ Langanhaltenden Beifall verdienen sich die Gymnasiasten dafür.