Aktion in Wachtberg: Landwirte wollen Kitze vor dem Mähtod retten

Aktion in Wachtberg : Landwirte wollen Kitze vor dem Mähtod retten

In Wachtberg steht die zweite Mahd der Landwirte an - die kritischste im Jahr. Denn möglicherweise liegen Kitze im Gras. Um sie zu finden, streifen Jagdpächter das Gebiet vor der Mahd mit Hunden ab, einige setzen Wärmebilddrohnen ein.

In diesen Tagen fährt bei Bernd Welsch und vielen seiner Kollegen wieder das ungute Gefühl mit auf der Mähmaschine. Denn die zweite Mahd der Landwirte ist stets die kritischste im Jahr. „Das ist von der Jahreszeit her wegen möglicher Kitze im Gras der gefährlichste Schnitt“, meint der Landwirt aus Arzdorf. Denn die ganz Kleinen hören zwar die große Maschine nahen, können aber noch nicht von ihrem Ablageplatz aufstehen und ducken sich. „Im vergangenen Jahr haben wir anschließend ein totes Tier entdeckt“, so der 55-Jährige.

Damit es möglichst keinen Reh-Nachwuchs erwischt, ist einiger Aufwand nötig. Denn Welsch muss 40 Hektar in Arzdorf und Adendorf abernten. „Wir sagen immer am Vorabend dem Jagdpächter Bescheid, der das Gebiet mit seinen Hunden abstreift“, erzählt der Landwirt. Findet dieser ein Kitz, trägt er es möglichst eingepackt in Gras zum Waldrand – würde es anschließend nach Mensch riechen, nähme es die Ricke nicht mehr an. „Das Muttertier bringt es dann von dort in der Nacht zu einem anderen Ort“, weiß Welsch aus Erfahrung. Zudem stelle der Pächter an gern genutzten Stellen Fahnen auf, teils mit raschelnden Plastiktüten daran, damit die Ricke direkt andere Orte zur Ablage während ihrer Abwesenheit nutze.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Wildtier lässt sich nur schwer beziffern, wie viele Wildtiere von der Mahd von Grünland betroffen sind. „Allein in Deutschland wird der Umfang der Wildtierverluste durch die Grünlandbewirtschaftung konservativ auf 500 000 Individuen geschätzt, davon circa 90 000 Rehkitze“, schreibt die Stiftung auf ihrer Homepage. Und das pro Jahr.

Immer mehr Landwirte setzen auf Prävention

Um hier gegenzusteuern, setzen immer mehr Landwirte auf Prävention. Zum Beispiel konventionell mit Hunden und/oder Wildretter am Schlepper. „Das Gerät gibt ein akustisches Signal ab, das die Kitze vertreibt“, sagt Welsch. Aber eben nur die schon mobilen. Andere Landwirte – auch in Wachtberg – wenden modernere Technik an. So fliegen einige Jäger oder Jagdpächter die Felder unmittelbar vor der Mahd mit einer Wärmebilddrohne ab. Erst wenn das Feld abgesucht ist und mögliche Jungtiere in Sicherheit gebracht wurden, fährt der Landwirt los. Nach einem Beitrag des WDR, der in den Wachtberger Facebook-Gruppen geteilt wurde, erklärten sich spontan Bürger bereit, ebenfalls mit ihren Wärmebild-Drohnen zu helfen. In immer mehr deutschen Städten engagieren sich auch Schüler, die speziell ausgebildet werden, an Projekttagen in der Kitzhilfe.

Man müsse seit jeher Überzeugungsarbeit leisten, aber zu 90 Prozent stoße man bei den Landwirten auf offene Ohren, sagt Lutz Schorn, Vorsitzender der Jägerschaft Bonn, die auch für Wachtberg zuständig ist. „Zumal das Tierschutzgesetz mittlerweile auch einen anderen Stellenwert hat und man sich gegebenenfalls strafbar macht“, betont Schorn. Statt mit Drohnen arbeiten er und viele Mitstreiter mit einer Kitzretter-App, in der Hilfe für die Landwirte schnell organisiert wird.

„Manchmal stellen wir auch nachts Radios in den Feldern auf, die mal an sind und mal aus“, so der Vorsitzende über weitere Tipps zur höflichen Vertreibung der Tiere. Denn erst ab drei Wochen Lebensalter greife bei ihnen der Fluchtinstinkt. Kritikern, die Jäger würden sich ja nur so sorgen, um die Tiere später selbst abschießen zu können, entgegnet Schorn: „Es Tierschutzgerecht zu erlegen ist sicher etwas anderes, als es qualvoll zu zerstümmeln.“ Zumal die Vereinsmitglieder sich auch um Bodenbrüter wie Rebhühner kümmerten, die man ohnehin nicht mehr bejage.

Bauer Welsch jedenfalls hofft, in diesem Jahr ohne Vorfall durch die Mahd-Saison zu kommen. Der Regen in dieser Woche hat den Kitzen zumindest ein wenig Vorlauf verschafft.

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