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Das Ländchen improvisierte: Erzählcafé in Villiprott erinnert an Karneval

Das Ländchen improvisierte : Erzählcafé in Villiprott erinnert an Karneval

Der Zug durch Villip, Villiprott und Holzem war in 50ern kilometerlang und kam ohne Genehmigungen und Versicherungen aus. Das änderte sich, als es in den 60er Jahren zu einem tödlichen Unfall kam.

Mit den Ohren am Radio geklebt haben sie und ihre Familie in Ostfriesland, wenn im Rheinland Karneval war, erzählte eine Besucherin des vom Heimatverein organisierten Villiprotter Erzählcafés. Erst viel später war sie selbst ins Rheinland gekommen und schließlich nach Villiprott gezogen. „Bei uns hat sich niemand verkleidet, das gab es einfach alles nicht“, berichtete sie aus ihren Kindertagen. Die Villiprotter hingegen erinnerten sich zwar auch an karge, aber trotz aller Entbehrungen an teilweise sehr lustige und turbulente Zeiten.

„Kostüme zu kaufen wie heute, das gab es damals natürlich nicht“, erinnerte sich Gertrud Koch aus dem Ort. Man suchte sich ein Thema aus, schneiderte und bastelte dazu alles, was irgendwie für ein passendes Kostüm taugte. Auf mitgebrachten alten Fotografien sahen die rund 15 Besucher Kostüme wie Lumpensammler und eine Gruppe Wölfe ebenso wie in Uniformen gehüllte Mitglieder des örtlichen Karnevalsvereins. Seinerzeit stellten die drei zu einem „Amt“ zusammengefassten Orte Villip, Villiprott und Holzem im Wechsel die Majestäten und der Karnevalszug ging in einem Rutsch durch alle Dörfer. Mal gab es Prinzen, Prinzenpaare, Dreigestirne oder Kindertollitäten. „Weil Villip der größte Ort von allen war, war die Reihenfolge für die Tollitäten Holzem, Villip, Villiprott, Villip, Holzem“, sagte Hans-Werner Kühlwetter. Da die drei Orte seinerzeit nicht besonders viele Einwohner zählten, sei zumindest im Rott, die Villiprott genannt wurde, jeder irgendwann einmal bei den Tollitäten, deren Hofstaat oder deren Unterstützern dabei gewesen.

Die Themen der Karnevalswagen stammten meist aus Ereignissen innerhalb des Ländchens. „Das war fast nie von langer Hand geplant, das waren oft ziemlich spontane Geschichten“, erzählte Hans-Werner Kühlwetter. „Da hatte einer mitbekommen, dass innerhalb des Ortes oder vielleicht in Berkum irgendetwas Besonderes passiert war. Dann hat man dazu einen Wagen gestaltet.“ Das besondere Ereignis konnte ebenso eine politische Entscheidung wie eine lustige Begebenheit sein. „Dann haben sich ein paar junge Männer zusammen getan, ein Wagen wurde ausgesucht und dann ging es los.“ Wie bei den Kostümen verwendete man das Material, das gerade greifbar war. Nur für die Prunkwagen wickelten die Frauen des Ortes meist schon Wochen zuvor in Gemeinschaftsarbeit Papierröschen, um ein prachtvolles Bild zu schaffen. „Das konnte sich schon sehen lassen“, fand Gertrud Koch.

Jährliche Sitzung hat Tradition

Jeder habe da einfach mitgemacht, nach Anmeldungen oder Versicherungen habe seinerzeit niemand gefragt. Das änderte sich erst, als es in den 60er Jahren zu einem tragischen tödlichen Unfall kam. „Danach wurde der Karneval eine Zeitlang nicht mehr so intensiv gefeiert“, sagte Kühlwetter. Nach einiger Zeit hatten sich aber wieder eine Handvoll Leute zusammen gefunden, die den Jecken Brauch wieder ankurbelten. Immer aktiv gewesen seien aber „die Seerosen“, erinnerte sich Gertrud Koch. In einer Wirtschaft war zum Ende der 60er Jahre in einer Frauengruppe die Idee aufgekommen, zum jecken Brauchtum etwas Besonderes beizutragen.

Mit viel karnevalistischer Energie fand unter ihrer Federführung 1968 im Landhaus Schmitz die erste Sitzung statt. Die Tradition der jährlichen Sitzung haben die Aktiven Frauen bis heute beibehalten. In diesem Jahr laden die Villiprotter Seerosen am 20. Februar ab 15 Uhr ( Einlass 14 Uhr) in die Schützenhalle am Sportplatz nach Villiprott ein. Karten erhält man zu einem Kostenbeitrag von acht Euro am kommenden Sonntag ab 12 Uhr in der Schützenhalle.

Anfang der Zweitausender habe Villiprott noch einen besonderen Karnevalszug gehabt, erzählten die Besucher. Zu dieser Zeit nämlich hatte Villiprott einen eigenen Kindergarten mit sehr engagierter Leitung. „Die hat den Karnevalszug der Kinder durch den Ort organisiert, manchmal hat sie auch Kindergruppen aus anderen Kindergärten dazugeholt“, erinnerte sich Hans-Werner Kühlwetter. In diesem besonderen Zug warfen nicht die Zugmitglieder die Kamelle, sondern die Schaulustigen am Wegesrand. „Das war immer etwas ganz Besonderes“, erinnerten sich die Gäste des Erzählcafés. Der Kindergarten habe mit solchen Aktionen Jung und Alt zusammengebracht.