Serie: "Die andere Perspektive": Erntehelfer aus Wachtberg erzählen aus ihrem Leben

Serie: "Die andere Perspektive" : Erntehelfer aus Wachtberg erzählen aus ihrem Leben

Silviya Vasileva unterstützt als Erntehelferin ein Wachtberger Unternehmen. In ihrer Heimat Bulgarien verdiente sie etwa 1,70 Euro pro Stunde.

In ihrem ersten Berufsleben war Silviya Vasileva Verkäuferin in Westbulgarien. "Der Mindestlohn lag bei 340 Lewa, also etwa 1,70 Euro", erzählt die 35-Jährige. Als vor sieben Jahren eine Zeitarbeitsfirma in der 40.000-Einwohner-Stadt Kyustendil Erntehelfer für Deutschland suchte, brach sie auf ins Ungewisse. Sieben Jahre später ist sie immer noch überzeugt vom damaligen Schritt, der sie nach Wachtberg führte. "Bei meinem ersten Arbeitgeber bin ich nur drei Monate geblieben", so die zierliche Frau.

Im nunmehr zweiten Jahr unterstützt sie die Wachtberg Firma "H + L Beeren" von Mark Hochgürtel und Felix Luedtke und das für jährlich sechs Monate. "Mir gefällt's, ich bin gerne hier", erzählt sie. Sechs Mal pro Woche erntet sie – mittlerweile zur Vorarbeiterin aufgestiegen – täglich neun Stunden Heidelbeeren, abzüglich der Pausen. Dazu zählt auch das Wiegen, Verpacken und Etikettieren. Ihr Lohn: 9,19 Euro pro Stunde. "Rückenschmerzen oder Ähnliches habe ich nicht", beantwortet sie mit einem Lächeln die Frage nach körperlichen Beschwerden. Das könnte auch an ihrer Größe liegen, die mit etwa 1,50 Meter ähnlich wie die der größeren Sträucher ist.

Vor drei Jahren hat Hochgürtel das Unternehmen mit seinem Bruder gegründet. "Als Nebenerwerb, ich bin sonst fest angestellt", sagt der 41-jährige Familienvater. Das Geschäft ist gut angelaufen, auch wenn die jungen Sträucher noch nicht den Vollertrag bringen. 20 Erntehelfer beschäftigen sie, davon 18 für zweieinhalb Monate. Und eben Vasileva für ein halbes Jahr, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Svetlin Yordanov auf dem Hof am Berkumer Domsteinbruch bei Hochgürtels Eltern wohnt. "Es war mir wichtig, dass sie zusammen sind bei der Dauer", so Hochgürtel. Außerhalb der Saison kümmern sich die beiden um die Pflanzen. Momentan ist der 36-jährige Yordanov vor allem für Transport der rund 3,4 Kilo schweren Kisten mit den blauen Früchten zuständig. Er habe "einen Führerschein für fast alles", sagt sein Chef. Der groß gewachsene Mann mag das Wachtberger Wetter. "Letztes Jahr war ich als Saisonkraft in Schottland, da gab es fast nur Regen", erzählt der gelernte Fliesenleger und Maler.

Manchmal vermisst man das Heimatland

In Bulgarien sei es schwer, ein eigenes Gewerbe zu gründen, an den Banken lässt er kein gutes Haar. Er spricht nicht ganz so gut Deutsch wie seine Freundin, aber sie ist ihm auch ein paar Sprachkurse voraus. Wenn es im Oktober in die Heimat zurückgeht, sollen weitere folgen. "Deutsch ist sehr verwirrend, vor allem mit den Verben am Ende des Satzes", betont Vasileva. Trotzdem würde sie gerne bleiben. Mit welcher Zukunft? "Egal, wir können alles arbeiten", meint die 35-Jährige. Ihr Freund sieht das zwar ähnlich, aber er vermisst die Weite seines Heimatlandes und spontane Treffen mit seinen Freunden. "Da fährt man auch schon mal 100 Kilometer", sagt Yordanov. Eine rund 30-stündige Heimreise im Bus tun sie sich aber zwischendurch trotzdem nicht an.

Bislang sind sie in Wachtberg eher unter sich geblieben, treffen sich maximal mit Erntehelfern anderer Unternehmen. "Wir stehen viel auf dem Feld, da lernt man natürlich nicht so leicht neue Leute kennen", meint er nachdenklich. Trotzdem ist die Marschroute für beide klar. Sie wollen in Deutschland Geld verdienen, um sich in Bulgarien ein Haus zu kaufen. "Aber einziehen würden wir am liebsten erst nach der Rente", sagt Vasileva. Und gegen das Heimweh helfen Skype, Whatsapp, SMS, Messenger und Internet. Letzteres sei übrigens in Bulgarien im Vergleich zu Deutschland spottbillig.

In der restlichen Freizeit spazieren sie gerne durch die Natur, gehen in Bonn und Köln einkaufen, kochen bulgarisch. Heiraten schwebt ihnen auch irgendwie im Kopf herum, aber es ist nicht dringlich. Was aktuell zählt, ist die (Kultur-)Heidelbeere, die sie in ihrer Heimat immer nur zum Spaß im Wald geerntet haben.

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