Initiative "VerA": Bonner will Ausbildungsabbrüche verhindern

Initiative "VerA" : Bonner will Ausbildungsabbrüche verhindern

Hans Hebenstrick unterstützt für die Initiative „VerA“ als Senior Experte junge Auszubildende. "VerA" steht für die Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen.

Hans Hebenstrick und Abdul Hussein Mohammadi stecken die Köpfe über einem Schriftstück zusammen. Sie gehen den Ausbildungs-Wochenbericht des 21-jährigen Afghanen durch, der später seinem Chef vorgelegt wird: Er hat in seinem Ausbildungsbetrieb, einer Wachtberger Bäckerei, Brötchen aufgebacken, Puddingteilchen gespritzt, Kunden bedient und viele andere Dinge erledigt, die zur Ausbildung im Bäckerhandwerk gehören. Mohammadi hat die Liste von Hand vorgeschrieben, Hebenstrick hat sie abgetippt.

Sein Berufsleben hat der 82-Jährige längst hinter sich, seit sieben Jahren verhilft er jungen Leuten zu einem guten Start in den Job. Der frühere Unternehmer übernimmt für die Initiative „VerA“ – kurz für „Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“ – des Bonner Senior Experten Services (SES) Fälle wie den von Mohammadi und begleitet Azubis durch ihre Lehrjahre. „Ich hatte schon Auszubildende von den Philippinen, aus der Türkei, Kongo, Kroatien, auch Deutsche und jetzt einen aus Afghanistan.“

Neun Menschen hat er schon betreut, alle sind bis jetzt gut ins Berufsleben gekommen. Heben-strick gibt Tipps, begleitet seine Schützlinge zu Prüfungen, spricht mit Chefs und Lehrern und kümmert sich auch um Belange jenseits der Ausbildung. Er schreibt halbjährlich Berichte an „VerA“ und trifft sich wöchentlich mit seinem Azubi, mit Mohammadi immer in der Marktscheune von Obsthof Schneider.

Einblicke in viele Berufe

„Ich mache das, weil bei den Unternehmen das Gejammere über schlechte Ausbildung vorherrscht.“ Und weil es Spaß macht, immer noch mal etwas Neues kennenzulernen: Er bekam schon Einblicke in Berufswelten wie Koch, medizinischer Angestellter, Postangestellter und Immobilienkauffrau, er hatte auch schon einen, der eine Ausbildung bei der Arbeitsagentur machte. Mohammadi ist für ihn ein besonderer Fall. Das Problem ist die Entscheidung der Bundesregierung, Afghanistan zum sicheren Herkunftsland zu erklären. Dadurch schwindet die Bleibeperspektive des jungen schüchternen Mannes. Er bekommt keine Fördergelder mehr, um Wohnung und Leben bezahlen zu können. Und wenn bis zum 12. August keine gerichtliche Lösung gefunden wird, muss er zurück in das Land, aus dem er 2015 nach Deutschland geflohen ist und aus dem weiterhin Nachrichten von Bombenanschlägen Westeuropa erreichen.

„Ich dachte, die Ausbildung wäre ein Schutz“, so Hebenstrick. Aber es gebe wohl eine Gesetzeslücke. Durch die drohe Mohammadi zu fallen. Dabei sei er nahezu ein Muster-Auszubildender: Der Chef sei laut Hebenstrick sehr zufrieden, und der Berufsschüler zeichne sich durch Pünktlichkeit aus. Da habe er schon andere Fälle erlebt, einen etwa, der eine halbe Stunde auf sich warten ließ und dann sagte: „Sie sind ja im Ruhestand, da macht Ihnen das nichts aus.“

Mohammadi ist dankbar für die Begleitung. Sie helfe ihm sehr. Die Situation belaste ihn aber, er könne nicht entspannt in der Bäckerei arbeiten. Das hat Hebenstrick an den Notizen auf dem Wochenbericht gemerkt: Die Handschrift ist unruhiger als früher, sagt er. Hebenstrick redet Mohammadi ins Gewissen: Er solle bloß nicht die Ausbildung abbrechen, die er im August 2017 begonnen hat.

Bundesweit gibt es 3000 Senior Experten, in Bonn sind es 20. Viel zu wenig, sagt Hebenstrick. Das Konzept werde stark nachgefragt, deshalb müssen mehr Ausbildungsbegleiter her. Das könne jeder mit Erfahrung, Geduld, Beharrlichkeit und Einfühlungsvermögen sein. Und man brauche noch etwas: Zeit.

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