Toningeniuer aus Swisttal-Heimerzheim: Peter Bollig - Der Regler von Kraftwerk

Toningeniuer aus Swisttal-Heimerzheim : Peter Bollig - Der Regler von Kraftwerk

Schlicht entsetzt sind viele Fans beim ersten Hören der schwarzen Schallplatte: Kratzer dringen kurz nach dem Auflegen des Tonarms an das Ohr - und das auf einer brandneu gekauften Scheibe. Das mechanische Klopfen dazu nimmt an Stärke ebenso zu wie das Kratzen.

Es ist das Geräusch eines Geigerzähler - 1975 selbst für Avantgardisten alles andere als Töne aus dem Alltag. Mit Klang-Ideen, wie dem Geigerzähler beim Album "Radioaktivität, setzt Kraftwerk Maßstäbe. Die vier Musiker aus Düsseldorf genießen bis heute Weltruhm und gelten bis heute als die Väter der tanzbaren elektronischen Musik und des Techno. Am Regler von Kraftwerk in den legendären Kling-Klang-Studios in Düsseldorf sitzt damals der junge Technikstudent Peter Bollig aus Swisttal-Heimerzheim. Bis 1981 ist er ein Teil von Kraftwerk und erlebt die als unnahbar geltenden Pop-Pioniere hautnah.

Dabei ist die Toningenieurtätigkeit bei der Kultband nicht mehr als ein Studentenjob, schildert der heute 65-Jährige im Gespräch mit dem GA. Wie andere Kommilitonen beim Kellnern an ein paar Penunzen gelangen, nimmt er Musik auf. Musik, die Geschichte schreibt. In "Radio-Aktivität" (1975), "Trans-Europa-Express" (1977) und "Computerwelt" (1981) ist sein Name aufgeführt. "Ich habe seit 20 Jahren keinen Plattenspieler mehr", sagt Peter Bollig beim GA-Gespräch in seiner Wohnküche in Swisttal-Straßfeld. "Aber ich hole die Scheiben mal." Keine Frage: Pfleglich sind sie behandelt und strahlen so viel mehr Majestät aus als die ungleich kleineren Tonträger im CD-Format - eine Schallplatte eben.

An Andy Warhols Prinzip des einfachen Objekts erinnert die Optik von "Radio-Aktivität". Statt einer Tomatensuppendose wie beim New Yorker Pop-Art-Exzentriker ziert ein Radio das minimalistische Cover, die Rückseite des Geräts übrigens auch die Rückseite der Platte. Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren erschien sie im November 1975 und stand im Frühsommer 1976 wochenlang auf Position 1 der französischen Charts.

"Ich hatte damals nicht das Gefühl, dass ich etwas Weltbewegendes tat", sagt Bollig bescheiden über sein Tun vor vier Jahrzehnten. Seine Eltern betreiben damals einen Bauernhof in Heimerzheim, in einem Schuppen richtet sich der Nachrichtentechnikstudent eine Werkstatt ein. Hier tüftelt er, plant und baut fantastische Dinge zusammen.

Über Konrad "Conny" Plank, der Techniker des Kraftwerkalbums "Autobahn", das minimalistische Konzeptalbum, welches der Band anno 1974 zum Durchbruch verhalf, lernt er Kraftwerk-Gründungsmitglied Florian Schneider kennen. Der ist eigentlich von Haus aus Flötist und erhofft sich von dem versierten Tüftler eine Vision für eine elektronische Flöte (siehe unten stehende Geschichte). Außerdem baut Bollig ein kontaktloses Schlagzeug, also eines, welches nur über Lichtschranken funktioniert.

Apropos Schranken: Wer glauben könnte, Musiker waren in den 70er Jahren allesamt ein Jahrzehnt lang von Drogen berauscht, liegt bei Kraftwerk meilenweit daneben, wie Bollig weiß. "Die hatten ja noch nicht mal lange Haare", sagt er und zeigt auf die Plattenbeigaben der damaligen Zeit. Zu sehen sind stets akkurat geschnittene Frisuren, später meist emotionslose Gesichter und eine uniform wirkende Kleiderwahl. Selbst als Bollig zwischen 1975 und 1976 mit Kraftwerk durch Großbritannien tourt, passt der Dreiklang von Sex, Drogen und Rock'n'Roll nicht ins Konzept der Konzeptband Kraftwerk. "Nach einem langen Tag im Tonstudio haben die vielleicht mal ein Bier getrunken", erinnert er sich.

Eigentlich gibt es keine Zufälle im Leben. Während Peter Bollig in seinen Erinnerungen kramt, die er im Gegensatz zu den früheren Bandmitgliedern Wolfgang Flür und Karl Bartos nie zu Papier gebracht und somit zu Geld gemacht hat, läuft im leise mitlaufenden Radio an der Küchenanrichte ein Lied an: "Da, hören Sie's", sagt Bollig. Es ist die Band Coldplay, deren erste Takte des Liedes "Talk" aus dem Jahr 2005 aus dem Kraftwerk-Song "Computerliebe" von 1981 stammt. Heißt: Das Original der Variation im Radio stammt aus der Hand des Straßfelders. Bollig lacht verschmitzt.

Der Grund für seine Demission von Kraftwerk 1981 ist rasch erklärt: "Ich wollte mein Studium beenden." Er macht es, schafft den Abschluss und landet in der Automobilindustrie - erst bei einem Zulieferer, später in der Produktentwicklung bei Ford, bis zu seiner Pensionierung im Dezember 2014. "Sonst wäre ich wohl in der Branche geblieben", meint Bollig mit Wehmut in der Stimme, leiser als das Radio auf der Anrichte. "Ich wäre wohl auch mit dem Kraftwerk nicht verhungert."Viel geblieben aus der Zeit ist ihm nicht. Fotos mit den Bandmitglieder? Fehlanzeige. "Das gab es damals nicht so exzessiv wie heute", sagt er und lacht. Karl Bartos besucht ihn 2014 in Straßfeld, Bolligs Wohnort.

Der langjährige Elektroschlagzeuger, Keyboarder, Co-Komponist und Sänger der Gruppe reist heute noch viel durchs Land und berichtet von seiner Zeit im Quartett der Unnahbaren - immerhin von 1975 bis 1990. Zwar macht Bartos auch selbst wieder Musik, doch schlussendlich dreht sich alles um Kraftwerk - selbst Bartos neue Musik. "So was wie die Beatles waren die nie", findet Bollig mit dem Abstand von 34 Jahren nach seinem Ausstieg. Noch 2013 stellt die britische BBC in einer filmischen Dokumentation zum Gastspiel der deutschen Musiker in der Londoner Tate-Gallery die Frage, ob Kraftwerk musikalisch wichtiger war als die Beatles - und beantwortet sie - zumindest was den popkulturellen Einfluss der Gruppe anbelangt - mit einem Ja.