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Bilder, die sie nie vergisst: Odendorferin erinnert sich an Bombenangriff

Bilder, die sie nie vergisst : Odendorferin erinnert sich an Bombenangriff

Am 10. Januar 1945 ging über Odendorf ein Bombenteppich nieder. Maria Michels, damals sieben Jahre alt, erinnert sich.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs waren amerikanische Bombergeschwader kein seltener Anblick über Odendorf. Auf dem Weg nach Köln oder Bonn flogen sie darüber hinweg. Sirenen und die Flucht in Bunker gehörten für die damals siebenjährige Maria Michels zum Alltag.

„Und dann kam der 10. Januar 1945“, erinnert sie sich. Der Tag, an dem über Odendorf um 13.10 Uhr ein Bombenteppich niederging. 75 Jahre ist das nun her. Wie viele Erlebnisse aus ihrer Kindheit hat Maria Michels auch diesen Tag in ihren persönlichen Aufzeichnungen mit dem Titel „De Hutjass, jenant de Theate’-Stross“ – also „Die Hutgasse genannt Theaterstraße“ – festgehalten. „Wir haben dann an der Brücke am Bach gestanden und nach oben geschaut“, beschreibt sie dort in Odendorfer Mundart den Anblick der Flugzeuge. „Zählen konnte man sie nicht, es waren einfach zu viele.“ Bis heute habe sie das tiefe Brummen der Motoren in den Ohren.

Am 10. Januar wollten sie anscheinend woanders hin. Aber die Flak in Essig habe einen Bomber angeschossen. „Der schwenkte im großen Bogen aus dem Verband heraus und kam direkt auf Odendorf zu. Er zog eine dicke schwarze Rauchfahne hinter sich her. Wir wussten unterdessen nur allzu gut, was das zu bedeuten hatte.“ Er klinkte die Bomben über Odendorf aus. „So flück waren wir noch nie bei Picks im Bunker.“

Wobei der Bunker nur ein notdürftig ausgebauter Vorratskeller an der heutigen Orbachstraße war. Auf Bretterbänken zwischen Kartoffeln und Einmachgläsern habe man dort gesessen. Ein Kanonenofen sorgte für Wärme, bei längeren Aufenthalten auch für „Muckefuck“, Kaffeeersatz. Oben waren nur Bretter und Stroh. „Einen Bombentreffer hätte der nicht ausgehalten“, ist sich die heute 82-Jährige sicher, „aber du hattest das Gefühl, du bist sicher.“

Die Odendorferin Maria Michels war damals dabei. Foto: Axel Vogel

Sie blieben zum Glück verschont. „Wir spürten die Erschütterungen bis in den Keller. Staub und Dreck rieselten von den Brettern an der Decke herab.“ Irgendwann sei es dann still gewesen, einige Erwachsene verließen den Bunker. Einer brachte schließlich die Nachricht, der Bombenteppich habe von der Kirche bis hinauf zum Friedhof alle Häuser „platt gemacht“. Elf zerstörte Häuser nennt eine Schrift des Vereins Zehnthaus aus dem Jahr 1999.

Demnach verzeichnete Odendorf an diesem Tag 16 Opfer, davon laut Gemeindearchiv drei Soldaten. Die zivilen Opfer wurden in der kleinen Kirche, damals ein Kindergarten, aufgebahrt. Michels beschreibt in ihren Aufzeichnungen, wie bei ihnen als Kindern die Neugier die Angst überstieg und sie nachsehen gingen: „Da lagen dann die armen Männer, Frauen und Kinder zugedeckt mit Bettlaken, die bei der Sache das Leben gelassen hatten, auf der Erde.“ Bis heute könne sie sich an diesen Anblick erinnern, bis zu den Blutflecken auf den Laken.

Das Totenbuch der Kirchengemeinde nennt die 13 Namen, drei stammten aus der Familie Fuchs. Im Archiv der Gemeinde Swisttal ist der Totenzettel erhalten: „Am 10. Januar 1945 mittags gegen 1 Uhr ereignete sich das schreckliche Unglück, das (sic) der Sohn Joh. Fuchs (...) durch eine Bombe sofort tödlich getroffen wurde, während der Vater u. sein Sohn Josef Fuchs (...) noch nachträglich den erlittenen Verletzungen im Feldlazarett zu Rheinbach erlegen sind.“

Aus dem Bestand hat Archivarin Hanna Albers auch sieben Sterbeurkunden herausgesucht. Auf ihnen ist mit der Sterbezeit „13 Uhr 10 Minuten“ die Zeit des Angriffs nachvollziehbar. Sie wurden im April 1945 ausgestellt, Todesursache „Schwere Körperzertrümmerungen durch Bomben“. Ebenfalls zu den Opfern zählt der polnische Staatsangehörige Stefan Przeniczny. Obwohl im Totenbuch aufgeführt, wurde seine Sterbeurkunde erst am 16. Dezember 1949 ausgestellt.

Es war nicht das einzige Mal, dass auf Odendorf Bomben niedergingen, beschreibt Michels. Manchmal ertönte der Alarm jede Nacht, vor allem kurz vor Kriegsende. Die Bahnlinie für die Versorgung der Front in der Eifel mit der Eisenbahnbrücke über den Orbach sowie der Odendorfer Feldflugplatz waren ihre Ziele. Michels und ihre Schwester schliefen angezogen im Schlafzimmer der Großmutter, um schnell im Bunker sein zu können. „Einmal ist auf der anderen Seite der Bahnlinie ein Bauernhaus pulverisiert worden“, erinnert sie sich. „Da war nichts mehr von da, nichts mehr.“ Nur ein kariertes Hemd habe noch lange in den nahen Bäumen gehangen. „Es ist ein Glück, dass man als Kind noch nicht alles kapiert, was man vor den Augen hat“, sagt sie heute.