Peter Bolligaus Heimerzheim: Kultmusiker liegen "genialem Bastler" zu Füßen

Peter Bolligaus Heimerzheim : Kultmusiker liegen "genialem Bastler" zu Füßen

In einem schwarzen Mercedes 600 nimmt Peter Bollig Platz. Der "gute Stern auf allen Wegen" auf der Motorhaube hat die stattliche Größe eines runden Bierdeckels. Der 25 Jahre alte Technikstudent macht es sich auf dem luxuriösen Beifahrersitz bequem. Am Steuer sitzt Florian Schneider.

Zusammen mir Ralf Hütter hat der Sohn von Architekt Paul Schneider, der den Köln/Bonner-Flughafen konzipierte, 1970 die Band Kraftwerk gegründet. Von Düsseldorf aus weist der Stern den Weg nach Heimerzheim. Peter Bolligs Gabe, technisch anspruchsvolle Fantasien in die Tat umzusetzen, hat sich bis in die Landeshauptstadt herumgesprochen.

"Der kann alles umsetzen, was wir uns ausdenken", sagt Schneider auf dem Weg über die Autobahn zu Wolfgang Flür, damals Schlagzeuger bei Kraftwerk. "Er ist ein genialer Bastler und hat sogar schon eine Idee, wie wir dein berührungsfreies Schlagzeug bauen können", schwärmt Schneider Flür vor. "Die Pläne habe ich noch", sagt Peter Bollig rund vier Jahrzehnte später im Gespräch mit dem GA. "Ich könnte das noch bauen."

Konrad "Conny" Plank aus Neunkirchen-Wolperath nennt ein Tonstudio sein Eigen. Hier - am Rand des Bergischen Landes - entsteht "Autobahn", das Konzeptalbum, das Kraftwerk einen reichen Regen an Goldenen Schallplatten spendet. Eine elektronische Querflöte möge Bollig konstruieren, bittet Plank. "Die war aus Plexiglas, damit es optisch was hermacht", weiß Bollig. Eines Tages sagt der 1987 verstorbene Tonstudiochef: "Die Kraftwerk wollen das haben", erinnert sich der Swisttaler.

Am 11. Juli 1975 kommt es laut Erinnerung Flürs zum ersten Treffen von Bollig, Schneider und Flür. Bei Erdbeertorte zeichnet der junge Nachrichtentechnikstudenten erste Skizzen auf eine Papierserviette. Es geht um die Idee eines berührungsfreien Schlagzeugs.

Florian Schneider ist besessen von der Vision, Instrumente zu erschaffen, wie es sie zuvor niemand zu bauen gewagt hat. Er arbeitet mit Effekten und perfektioniert die künstlichen Robovox-Stimmen, für die Kraftwerk bekannt ist. In Bolligs grüner Skizzenkladde befindet sich noch ein handgeschriebener Hinweis des Kraftwerkgründers: "Die Kiste muss nach Möglichkeit nächste Woche fertig sein. Hau rein!" ist dort zu lesen.

Die Querflöte soll keine mechanischen Schalter haben, sondern Berührungsschalter. "Sah beknackt aus und war mehr Schein als Sein", findet Bollig heute. In seinem Buch "Ich war ein Roboter" aus dem Jahr 1999 schwärmt Flür freilich von Bolligs Schlagzeug, welches anstatt mit Drumsticks mit Fotozellen funktioniert.

Im Kling-Klang-Studio in Düsseldorf bereitet Bollig einen Aufbau mit glänzenden Rohrgestellen vor. "Er hatte sechs Lichtschranken mit Schraubmuffen und langen Zuleitungen mitgebracht und schraubte nun die einzelnen Teile fest", schreibt Flür. Das Experiment geling, der Schlagzeuger schwärmt von der "spektakulären Ergänzung für unser Bühnenshow".

Und Bollig bleibt der Band noch sechs Jahre als Tontechniker erhalten.