Kreaforum in Morenhoven: Kabarettisten schauen zurück auf das Jahr 2018

Kreaforum in Morenhoven : Kabarettisten schauen zurück auf das Jahr 2018

Bei der „Schlachtplatte“ im ausverkauften Kreaforum lassen vier Kabarettisten das Jahr 2018 Revue passieren. Die von Robert Griess 2006 initiierte satirische Jahresandabrechnung gehört seit 2010 in Morenhoven zum festen Programm.

Blau schimmerndes Licht, die unverkennbaren Paukenschläge aus „2001 – Odyssee im Weltraum („Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss) und dazu vier Männer in blauen Overalls, die sich anschicken, auf der Bühne die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben und aus unendlichen Weiten einen Blick zurück zu werfen: was sich anno 2018 auf Erden so alles getan oder eben auch nicht getan hat. Und weil es sich bei genannten Astronauten um die Kabarettisten Robert Griess aus Köln, Axel Pätz und Sebastian Schnoy aus Hamburg sowie Nils Heinrich aus Berlin handelt, steht nicht zu erwarten, dass dieser Blick nun besonders milde ausfallen dürfte.

Genau dafür steht die Schlachtplatte – die 2006 von Griess initiierte satirische Jahresendabrechung –, die im Morenhovener Kreaforum seit 2010 Jahr für Jahr den krönenden Abschluss der Kabarett-Tage setzt. Die Mischung der wechselnden Ensemblemitglieder hat bislang noch jedes Mal gepasst – aber diese Truppe hier, die noch bis zum 17. Februar in Deutschland auf Tour ist, legt die Messlatte mit der ihr eigenen Souveränität hoch an.

So wie Griess zum Beispiel, der sich angesichts von Donald Trump fragt, „wo die CIA ist, wenn man sie mal braucht und warum ihm bislang noch niemand eine Fahrt im offenen Cabrio durch Dallas angeboten hat“. Schlechtes Benehmen, so will es scheinen, hat Mr. President wieder salonfähig gemacht. Hier in unserem schönen Lande bauchen wir derartige Rüpeleien nicht. Dafür sitzt die AfD nunmehr in allen Landtagen. „Mir zum Beispiel kommt Gauland wie jemand vor, der in der Ecke sein Geschäft verrichtet, sich dann beschwert, dass es stinke und protestierend den Raum verläst, ohne seinen Dreck wegzumachen.“

Da stellt sich bloß noch die Frage, warum sich die, die Stimmung gegen Migranten machen, als „besorgte Bürger bezeichnen und die, die gegen die Abrodung des Hambacher Forstes protestieren, als „Linke Chaoten“ diffamiert werden, während man ihre Hütten räumt, die angeblich die Auflagen des Brandschutzes nicht erfüllen.“

Derweil hat sich der Historiker Schnoy so seine eigenen Gedanken zur Gleichberechtigung gemacht, einem der Themen 2018 schlechthin: „Wenn Frauen im Schnitt sechs Jahre länger leben als Männer, ist es doch logisch, dass wir mehr verdienen, oder?“, sagt er und lächelt. Was aber noch lange keine hinreichende Erklärung dafür bietet, wie unterschiedlich Ausgaben und Aufwand für die eigene Garderobe ausfallen: „Würde in Bangladesch nur für Männer genäht, hätten die Frauen dort eine entspannte Zwei-Tage-Woche.“

Sarkasmus mit Blick auf Leverkusener Brücke

An Sarkasmus kaum mehr zu überbieten ist der Blick unter die Leverkusener Brücke, wo eine äußerst findige Gruppe von Investoren gerade ein neues Mietmodell zu etablieren sucht. 990 Euro kalt für eine auf dem Boden gezeichnete Parzelle mit Frischluftgarantie? Noch Fragen? Nils Heinrich würde womöglich sogar mit diesen Mietern tauschen. Hat er doch seit geraumer Zeit selbst zwei Mitbewohner, die keinen Cent zahlen, die sich „Kinder“ nennen, um seine Geduld und seine Nerven fordern. Wo ihn, den Meister lakonischen Understatements, angeblich nichts erschrecken kann. „Ich lebe in Berlin, wovor sollte ich Angst haben.“

Tastenterminator Pätz wiederum hat längst seinen eigenen Weg gefunden, die Eskapaden seiner pubertierenden Tochter zu erdulden, die mittags um halb eins im Schlafanzug und mit schlechter Laune an ihm vorbeischlurft. Eines schönen Tages wird er es ihr mit gleicher Münze heimzahlen: Dann fällt er mit seiner ehemaligen Hippie-WG in ihre frisch eingerichtete Wohnung ein, kehrt das Unterste zuoberst und lässt so richtig die Sau raus. Wenn sie dann heulend vor ihm steht – dann sagt er, das, was er sich zurzeit ständig von ihr anhören muss: „Chill mal!“

Ganz so gelassen gehen die Protagonisten im Gegenwartsdrama des Jahres 2018 es natürlich nicht an, handelt es sich doch um keine geringeren als Marx, Lenin, Putin und Trump auf hoher See. Möglich, dass die anderen Passagiere dieser Kreuzfahrt längst von Bord gegangen sind.

Doch das wäre jammerschade, denn diese Viererbande tritt mit Gusto und Verve auf den Plan. Für 120 kurzweilig-eloquente Minuten, um von Merkel, AKK und Linder über May bis Johnson kein gutes Haar auszulassen, das sich nicht mit Genuss ausrupfen ließe. Warum? Weil sie es können. Und wie sie es können.

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