Gespräch am Wochenende: Gert Mittring: „Ein Riesenproblem in Unterprobleme zerlegen“

Gespräch am Wochenende: Gert Mittring : „Ein Riesenproblem in Unterprobleme zerlegen“

Sein Intelligenzquotient erreicht eine seltene Höhe: Bei einem IQ von 175 verwundert es nicht, dass Gert Mittring elffacher Weltmeister im Kopfrechnen und zweifacher Olympiasieger im Blitzrechnen ist. Und: „Jeder kann rechnen“ lautet seine Formel, die er am Mittwoch, 8. März, ab 20 Uhr auf ebenso verblüffende wie unterhaltsame Weise im Kreaforum Morenhoven entschlüsselt.

So, dass ich es verstehe: Wie errechnet man den Wochentag des 17. Mai im Jahr 2120?

Gert Mittring: Der Ausgangspunkt ist ein Ausgangsdatum. Da ich für mich die Formel als Schüler unter der Schulbank entwickelt habe – mit zwölf Jahren – habe ich den Ausgangswert auf den 1. Januar 1900 bezogen. Es gibt eine Regel, wie man von einem Jahr auf das Nächste kommt. Und dann gibt es noch eine weitere Regel, wie man von einem Jahrhundert auf das nächste kommt. Wenn ich jetzt ein Datum aus dem 20. Jahrhundert hätte, dann gibt es eine Regel, die besagt, dass wenn ich ein Datum aus dem 22. Jahrhundert berechnen will, vier Tage weiterrechnen muss. Das kann man alles mathematisch beweisen. Dann gibt es noch eine Schaltjahresregel und wie man das mit den Monaten handhabt.

Und mit diesen Regeln lässt sich durch die Jahrhunderte springen.

Mittring: Die Idee dabei ist, die Regeln so leicht wie möglich zu halten. Sie müssen so wenig wie möglich fehleranfällig sein und so beschaffen, dass sie gedächtnisentlastend sind. Man soll sich ja nicht unnötig viel Ballast während des Rechenweges im Kopf behalten müssen. Als Absicherung, sich nicht verrechnet zu haben, kann man Werte auch noch mal „zu Fuß“ herleiten. Ich möchte beispielsweise Kinder animieren, selbst spielerisch Rechenlösungen zu entwickeln. Es gibt ein Dutzend Beispiele, wie man solch eine Berechnung mit den Wochentagen lösen könnte. Das Entscheidende ist immer, wenn ich ein Riesenproblem vorfinde, zu Ruhe zu kommen, in sich zu gehen und das Riesenproblem in Unterprobleme zu zerlegen.

Wie lange benötigen Sie, um zu errechnen, welcher Wochentag der 1. Januar des Jahres Null hatte?

Mittring: (weniger als eine Sekunde später) Das war ein Samstag. Genau, Samstag. Das setzt aber voraus, dass das Kalendersystem, wie es heute besteht, auch damals schon gegolten hätte. Dazu gibt es in der Literatur unterschiedliche Positionen und somit keine klare Meinung.

Haben Sie das jetzt gerade im Kopf ausgerechnet?

Mittring: Ja. Ich kann es gerne von Ihrem Geburtsdatum ausrechnen?

27. Juni 1973.

Mittring: Die... Mittwoch, Mittwoch. Mittwoch ist richtig.

Ich bin von den Socken. Wie trainiert ein Kopfrechen-Weltmeister vor einem WM-Turnier? Gehen Sie am Rhein joggen, um einen gesunden Geist in einem gesunden Körper vorzufinden oder mit Sudoku ins Hochgebirge?

Mittring: Die Idee mit dem Laufen ist sicherlich gut. Das könnte bei mir noch etwas ausgebauter sein. Ansonsten versuche ich Simulationen zu machen, als wäre ich schon im Wettbewerb drin. Bei der WM im letzten Jahr war es ein bisschen dramatisch: Da habe ich eine Aufgabe zu genau ausgerechnet – eine Stelle zu viel – und dafür null von sieben Punkten bekommen. Das war medaillenentscheidend für die Goldmedaille.

Bei der jüngsten WM in London traten 13 Kontrahenten gegen Sie an. Wie würden Sie die Menschen beschreiben, die mit solch einer Begabung gesegnet sind und sich im Kopfrechnen messen?

Mittring: Sie fallen zunächst mal äußerlich nicht so übermäßig auf und kommen aus verschiedenen Berufsgruppen. Ob die jetzt in anderen Lebensbereichen genauso zurechtkommen, das ist nicht so klar. Es sind Programmierer dabei, viele, die in mathematisch-naturwissenschaftlichen Berufen tätig sind – und Nachwuchshoffnungen aus Südostasien. Es ist eine Freude mit denen im Austausch zu sein.

Der eigentliche Wettkampf dauert bis zu dreieinhalb Stunden. Wie gelingt es, über diesen Zeitraum die volle Konzentration zu behalten?

Mittring: Damit tue ich mich manchmal schwer. Es gibt ja Möglichkeiten, den Energiehaushalt zu unterstützen – mit Zucker beispielsweise. Fructose geht zur Not auch, wenn man etwa frisch gepressten Orangensaft trinkt.

Gibt es etwas, was sie womöglich aus Ihrer Konzentration herausreißen könnte: Durchzug, Essensgeruch, Handyklingeln?

Mittring: Ja, im letzten Jahr war ganz schwierig, dass der Raum nicht hinreichend akustisch isoliert war – ich hatte mich unglücklicherweise ans Fenster gesetzt. Ich bin ein bisschen störempfindlich. Es wäre schon gut, wenn man eine gewisse Ruhe hat und sich voll darauf konzentrieren kann.

Wann haben Sie gemerkt, dass in Ihnen eine besondere Begabung steckt?

Mittring: Im Grunde genommen habe ich gedacht, dass alle in der Grundschule mit so etwas gesegnet sind. Dann habe ich festgestellt, dass es doch nicht so ist. Mit drei, vier Jahren habe ich schon mit größeren Zahlen hantiert. Für mich war immer selbstverständlich, dass ich wusste, was ich an einer Kasse zu zahlen hatte. Das habe ich meinen Eltern gesagt und vielleicht haben die dann ein bisschen eingespart. Statistisch gesehen wird an den Kassen mehr verlangt, als tatsächlich gezahlt werden müsste. Ich habe mal für RTL einen Test mit versteckter Kamera gemacht, bei dem ich 20 Produkte im Kopf ausgerechnet habe. In sechs von 13 Fällen war das Ergebnis an der Kasse abweichend, in fünf Fällen musste man sogar zu viel bezahlen.

Wie macht sich Ihre Begabung sonst im Alltag bemerkbar?

Mittring: Banksachen kann ich auch schätzen. Zinseszinsrechnung – das ist ein bisschen anspruchsvoller. Da gibt es auch Formeln, die einfach anzuwenden sind. Auch planungstechnisch ist es hilfreich: Wie lange etwas dauert, lässt sich ausrechnen.

Mit welchen Fähigkeiten verlassen Ihre Zuschauer in Morenhoven das Kreaforum, wenn sie Ihnen aufmerksam zugehört haben?

Mittring: Ich möchte, dass sie das Gefühl haben, dass sie sich mehr zutrauen, als sie sich zuvor zugetraut haben. Und ich möchte ihnen ein paar Erfolgserlebnisse mit auf den Weg geben. Ich zeige, dass Dinge nicht so schwierig sind, wie sie erscheinen – wie bei der Wochentagsrechnung. Das sind so Schlüsselerlebnisse. Wenn ich erfahren habe, dass ich etwas besonders gut kann, ist anzunehmen, dass ich etwas anderes ähnlich gut kann.

Sie engagieren sich sehr, um auf Kinderarmut aufmerksam zu machen. Was muss mit einem Kind aus einer eher bildungsfernen Familie geschehen, um die gleiche Chance in der Schule zu haben wie andere Kinder?

Mittring: Ich setze mich als Botschafter der Stiftung Rechnen dafür ein, dass die Basiskulturtechnik Rechnen auf allen Leistungsstufen besser beherrscht wird. Ich möchte nicht nur Spitzenförderung machen, sondern möchte auch die Breitenförderung haben. In Deutschland ist die Chance des Bildungsaufstiegs sehr stark an die familiäre Situation gekoppelt. Wir wollen versuchen, das zu entkoppeln. Man muss die Familie in den Fokus nehmen. Wenn die Familien nicht bereit sind, ihre Lebensgewohnheiten umzustellen, das kann exzessiver Fernsehkonsum sein, Alkohol oder andere Probleme, kann diese Abhängigkeit nicht verringert werden. Ich empfehle, vor der ersten Klasse ein Screeningverfahren einzuführen, um grob zu wissen, wo die Kinder stehen. Das kostet wenig Geld und ist eine Sache, die Präventivcharakter hat. Die Schuleingangsuntersuchung reicht da nicht aus.

Gert Mittring ist am Mittwoch, 8. März, 20 Uhr, im Morenhovener Kreaforum, Eichenstraße/Vivatsgasse, zu Gast. Der Eintritt kostet 16, ermäßigt 14 Euro. Karten gibt es im Onlineshop des Kreaforums unter www.morenhovener-kabarett-tage.de oder an der Abendkasse.