Kostbares Geschenk: Diese Menschen verschenken ihre Zeit in Swisttal

Kostbares Geschenk : Diese Menschen verschenken ihre Zeit in Swisttal

Es ist wohl eins der kostbarsten Geschenke, die man machen kann: Zeit. In Swisttal sind acht Zeitschenker aktiv, die dort anpacken, wo manches sonst zu kurz kommt.

Wenn Ilse Messner-Scheffler und Gaby Gruschperski eine Familie besuchen, haben sie etwas dabei, das dort meist knapp ist: Zeit. Einfach die Zeit, einmal anzupacken, wo gerade zwei Hände fehlen, für ein Gespräch, für ein Spiel mit den Kindern, einen Besuch beim Arzt oder einen Blick auf die Hausaufgaben. Messner-Scheffler und Gruschperski sind zwei von aktuell acht Swisttaler Zeitschenkern. Mit ihrer Arbeit helfen sie dort, wo andere soziale Kontakte fehlen. Oftmals beschreiben sie ihre Aufgaben ähnlich der von Großeltern. Dabei ist eine der Schwierigkeiten, die Balance zwischen Nähe und Distanz, Anteilnahme und dem Blick von außen zu wahren.

Die Zeitschenker in Swisttal sind ein gemeinsames Projekt des evangelischen und des katholischen Familienzentrums nach einem Konzept des Caritas-Verbands. Aktuell sind sie im dritten Jahr aktiv. Für die Freiwilligen, die sich dort gemeldet hatten, standen am Anfang Schulungen. Da die Zeitschenker mit Familien arbeiten, ging es vor allem um Fragen zur heutigen Erziehung. „Zu meiner Zeit gab es noch viele Verbote“, beschreibt es Gruschperski, die in den 50er Jahren aufgewachsen ist. „Heute werden die Kinder viel mehr mit einbezogen. Es wird ihnen mehr erklärt.“ Das, was auf sie möglicherweise zukommen würde, haben sie in Rollenspielen geübt.

Den Erziehungsstil in den betreuten Familien sollen die Zeitschenker dabei nicht überprüfen. Auch beispielsweise die Ordnung in einer Wohnung ist nicht ihre Aufgabe. „Das ist die Sache der Familie“, sagt Gemeindereferentin Marion Hicketier. Sie koordiniert die Einsätze der ehrenamtlichen Helfer gemeinsam mit der Leiterin des evangelischen Familienzentrums, Sabine Liebchen.

Familien melden sich aus eigenem Antrieb

Die Familien melden sich oft auf eigenen Antrieb bei ihnen. Meist sind es Alleinerziehende mit kleinen Kindern, die noch recht neu in der Gegend sind und keine Freunde oder Familie vor Ort haben. Bei anderen ändert sich die Lebenssituation, beispielsweise durch die Geburt eines weiteren Kindes. Dann können Zeitschenker mit den älteren Geschwistern etwas unternehmen, ihnen Aufmerksamkeit schenken. Wichtig sei nur, dass zwischen dem Ehrenamtlichen und der Familie die Chemie passt, so Hicketier.

Kurt Fiedler beispielsweise organisiert mit Kindern im Grundschulalter gerne Wanderausflüge oder baut etwas. „Keiner von uns ist gezwungen, irgendwohin zu gehen“, betont er. Manchmal sei auch einfach jemand mit einem Auto gefragt, damit ein Arztbesuch möglich ist. Andere brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben, wieder andere ein offenes Ohr bei einer Tasse Kaffee. „Es können ganz alltägliche Dinge sein“, so Hicketier. Darunter auch die Frage, wie man Marmelade kocht. Eben alles, das zwischen Familie und Berufstätigkeit zu kurz kommt.

Gruschperski erzählt von einer jungen Mutter mit Baby. „Da war ich die moralische Unterstützung. Wenn ich kam, sagte sie: 'Jetzt kann ich endlich mal duschen'.“ Hilfreich sei auch die Perspektive aus einem anderen Lebensabschnitt. „Wir haben eben eine Lösung parat, und die wird auch gewünscht“, beschreibt es Messner-Scheffler. Dazu komme die Schweigepflicht, die die Zeitschenker von Freunden oder Verwandtschaft unterscheidet.

Kein Ersatz für Kita oder Tagesmutter

Ein Ersatz für Kita oder Tagesmutter sind sie indes nicht, auch keine Leihgroßeltern. Jeder bestimmt vorher, wie viel Zeit er verschenken kann, an welchem Ort und an welchen Wochentagen. Im Schnitt sind es zwei bis drei Stunden wöchentlich. Regelmäßige Treffen untereinander helfen, die Distanz zu wahren.

Zuhören, Tipps geben, das können die Zeitschenker. Aber wo klar ist, dass eine Familie mehr als Zeit braucht, verweisen sie an die Familienberatungsstelle oder die Jugendhilfe. Aus manchen Besuchen werden Freundschaften, die über das Zeitgeschenk hinaus bleiben. Gedacht ist die Unterstützung aber immer nur als Begleitung auf Zeit. Meist kommen die Familien irgendwann wieder alleine zurecht. Dafür kommen neue Hilfesuchende nach. „Der Bedarf ist da“, bestätigt Hicketier. Auch der Bedarf an Zeitschenkern.

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