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Wie Rheinbach das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte

Kriegsende 1945 : Wie Rheinbach das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte

Als der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 endet, ist das Nazi-Regime in Rheinbach bereits seit zwei Monaten Geschichte. Der letzte Kriegstote im Ort war aber kein Soldat.

Der Stunde null, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8. Mai 1945, wohnt in Rheinbach kein Neuanfang inne. Vieles ist nämlich schon eingespielt in der zu 60 Prozent zerstörten Stadt, seitdem die Amerikaner am frühen Morgen des 6. März über Essig und Oberdrees mit dem dumpfen Rasseln der Ketten ihrer Panzer das Ende der Kriegshandlungen in Rheinbach ankündigten. „Aber gegen Erwarten erfolgte die Besetzung der Stadt ohne besonderen Schrecken“, notiert Pfarrer Josef Bertram an diesem Tag für die Pfarrchronik.

„Ab März war die alte Ordnung in Rheinbach passé“, berichtet Stadtarchivar Dietmar Pertz im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Der letzte Tote des Zweiten Weltkriegs in Rheinbach ist kein Soldat und kein Deserteur. „Tot durch Erschießen“ steht in den Akten des Standesamtes. Am 19. März 1945 stirbt der 50 Jahre alte Josef Peter J. auf der heutigen Schweigelstraße durch die Kugel eines amerikanischen Militärpolizisten Dort hatten ihn die Militärs trotz der verhängten nächtlichen Ausgangssperre angetroffen. „Wir wissen, dass er seinen Namenstag gefeiert hat“, berichtet Pertz.

Strenge Verordnungen

Aus Angst vor letzten Widerstandsnestern und möglichen Angriffen fragen die Soldaten nicht lange nach, warum sich jemand nicht an die Beschränkung hält, das Haus zwischen 20 Uhr abends und 5 Uhr morgens nicht zu verlassen. „Viele der jetzigen Verordnungen mögen streng erscheinen und vielleicht sind sie es auch. Aber bis die Rheinbacher Bevölkerung zeigt, dass ihr mehr Freiheit gebührt, bleiben die Bestimmungen, wie sie jetzt sind“, hatte der amerikanische Ortskommandant nur zwei Tage zuvor, am 17. März, an die Rheinbacher geschrieben.

Dem Gedächtnis der Stadt versetzen die Schergen des Nazi-Regimes einen Tag nach der Besetzung Rheinbachs durch das 2. Bataillon des 310. Infanterieregiments der amerikanischen Armee einen schweren Schlag. Am 7. März 1945 brennt das Rathaus im damaligen Gebäude Vor dem Voigtstor 23 nieder. Mit ihm geht der schriftliche Nachlass der Stadt mit allen Akten und dem Archiv in Flammen auf.

Stunde null ist ein Neuanfang für Kirchen

Eine Art Neuanfang ist die Stunde null für die Kirchen. Die katholische Pfarrkirche Sankt Martin ist nahezu vollständig zerstört. „Anstelle des eher gotisch geprägten Gotteshauses entstand eine Kirche im Stile der 50er Jahre. Sie ist bescheiden und passt besser zu den Fachwerkhäusern darum herum“, findet Pertz. Nach 1945 gibt es auch erstmals Pläne für den Bau einer evangelischen Kirche.

Viele Menschen, die aus ehedem deutschen Gebieten von der Roten Armee vertrieben werden und ins Rheinland kommen, sind evangelischen Glaubens. 1949 ist in Rheinbach die sogenannte Notkirche fertig. „Es gab damals eine Art Bausatz für Kirchen plus Gemeindezentrum“, weiß Pertz.

Viele Lehrer hielten dem Nazi-Regime die Stange

Die Pläne, denen die Inspiration durch das Bauhaus anzusehen ist, stammen von dem Architekten Otto Bartning. Heute steht an der Stelle der 1969 aufgegebenen Kirche die Turnhalle der Grundschule St. Martin. Am Boden wie die Wirtschaft liegt auch der Bildungssektor: Viele Lehrer dürfen ihren Beruf wegen ihrer Verquickung mit dem Nazi-Regime nicht mehr ausüben. „Viele haben dem Regime die Stange gehalten – gerade auf den Dörfern“, sagt der Stadtarchivar. Vielerorts mussten sie sogar die örtliche Hitler-Jugend organisieren. „Neue Lehrer waren in der Stunde null nicht zu bekommen“, sagt Pertz.

75 Jahre nach Kriegsende, in Zeiten der Corona-Pandemie, klingen manche Sätze der amerikanischen Ortskommandanten, als müssten sie auch für April/Mai 2020 Gültigkeit haben: „Deshalb ist es unbedingt erforderlich, dass jedermann alle Gesetze, Verordnungen und Bekanntmachungen genau befolgt, damit umso schneller mehr Freiheit gewährt werden kann.“