1. Region
  2. Voreifel & Vorgebirge
  3. Rheinbach

Debatte um Turbo-Abi im Rhein-Sieg-Kreis: Viele wollen zurück zu G9

Debatte um Turbo-Abi im Rhein-Sieg-Kreis : Viele wollen zurück zu G9

Wird es bis zum Abitur an Gymnasien künftig acht oder neun Jahre dauern? Auf diese einfache Frage hat die nordrhein-westfälische Politik zur Zeit nur komplizierte Antworten: Flexible Oberstufe, Dalton-Stunden, individuelle Lernzeiten. Der GA fragte bei den Schulen in der Region nach.

Sollen Schüler in acht oder neun Jahren den Weg zum Abitur zurücklegen? Die Debatte um die verkürzte Gymnasialzeit, um G8 oder G9 oder eine flexiblere Form, die eine Wahlmöglichkeit einräumt, ist in Nordrhein-Westfalen wieder entbrannt. Nachfragen des General-Anzeigers im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis zeigen, dass ein Großteil der Schulen sich eine Verlängerung der Gymnasialzeit und damit mehr Freiraum für die Gestaltung des schulischen Alltags wünscht.

Die befragten Schulen erachten eine Verlängerung der Sekundarstufe I an den Gymnasien von fünf auf sechs Jahre als sinnvoll. Damit erlangten die Gymnasiasten nach erfolgreichem Abschluss der Sekundarstufe I, also nach Klasse zehn, einen erweiterten Realschulabschluss.

Die Schüler seien nach dem Abitur noch nicht reif genug und „werden viel zu früh ins Leben gelassen“, findet Angelika Polifka, Schulleiterin an der Georg-von-Boeselager-Sekundarschule in Swisttal-Heimerzheim. Zwar könne sie als Leiterin einer Sekundarschule, also einer Gesamtschule ohne eigene Oberstufe, nicht aus ihrer eigenen Erfahrung als Lehrbeauftragte sprechen, doch bekomme sie im Kontakt mit Schülern der gymnasialen Oberstufe oder deren Eltern die Überforderung der Schüler mit. Von dem Vorschlag, den Schülern selbst die Option einzuräumen, sich zwischen den Formen zu entscheiden, hält sie nicht viel: „Das ist in den Schulen nicht umsetzbar und eher eine Kompromisslösung, um die Eltern zu beruhigen“. Ihr Vorschlag ist daher: Man solle die reiferen Kinder einfach früher einschulen.

Auch Michael Bornemann, Schulleiter am Erzbischöflichen Sankt-Joseph-Gymnasium Rheinbach, steht der verkürzten Schulzeit kritisch gegenüber. Er spricht sich für eine Verlängerung der Sekundarstufe I aus: „Wenn man sich den Schultag ansieht, ist es wichtig, eine Rhythmisierung von Phasen der Anstrengung und Phasen der Entspannung zu erzielen.“ Es gebe auch einige Schüler, die einen solchen Tagesrhythmus selbstständig einhalten. Die anderen benötigten „Maßnahmen der individuellen Förderung“, und das sei nur mit genügend Freiheit zur individuellen zeitlichen Strukturierung möglich. Außerdem weiß er: „Übungsphasen sind wichtige Elemente“ des Schulalltags. Um genügend Übungen zur Vertiefung der Lerninhalte durchführen zu können, mangele es jedoch oft an Zeit. Bornemann unterrichtet neben seiner Funktion als Schulleiter die Fächer Deutsch und Mathematik. Er stellt fest, dass aufgrund des Zeitdrucks komplexere Zahlen im Mathematikunterricht nicht behandelt werden könnten, was er sehr bedauere, „denn sie eröffnen ein ganz anderes Verständnis für Mathematik“.

Dirk Bahrouz, Schulleiter des Konrad-Adenauer-Gymnasiums in Meckenheim äußert sich lediglich wie folgt: „Die Vorgaben sind da, und die erfüllen wir.“

Als Schulleiterin der Gesamtschule Rheinbach steht Elke Dietrich-Rein genau diese Zeit, die sich die anderen Schulen wünschen, zur Verfügung: Die Rheinbacher Gesamtschule befindet sich zwar momentan noch im Aufbau, ist grundsätzlich aber auf ein längeres gemeinsames Lernen ausgerichtet. Das bedeutet, dass sich die Sekundarstufe I über sechs, die Oberstufe über drei Jahre erstreckt.

Deswegen stellte ihrer Meinung nach die Gesamtschule eine gute Alternative für die Eltern und Kinder dar, die das System G8 nicht befürworten. An der Gesamtschule habe man ausreichend „Zeit für Individualität und Diversifizierung“. Eine flexible Schulform, bei der die Schüler individuell entscheiden dürfen, ob sie ihre Schulzeit verkürzen möchten oder eben nicht, hält sie für einen „sinnvollen Ansatz“. Der Erfolg dieser Schulform hängt ihrer Ansicht nach von der Umsetzung ab: „Es erfordert Umdenken sowie personelle und räumliche Kapazitäten.“

Die Schulleitung des Städtischen Gymnasiums in Rheinbach, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.