Rhein-Ahr-Marsch: So ist die Ultra-Wanderung durch die Region

Rhein-Ahr-Marsch : So ist die Ultra-Wanderung durch die Region

Mikka Bender beschreibt seinen 100 Kilometer langen Rhein-Ahr-Marsch durch Voreifel, Bonn und den Kreis Ahrweiler. 655 Frauen und Männer starten in Rheinbach zu der Ultra-Wanderung. Tagebuch einer Tortour.

655 Frauen und Männer steht am Freitagabend in Rheinbach der Kopf nicht nach Biergarten, sie wollen für sich die Frage geklärt haben: Wie großartig ist es, 100 Kilometer am Stück zu wandern und wie weh wird dies tun? Ich gehöre mit zu dieser bunten Truppe aus mehr als 15 Ländern. Ich habe mehrere 50-Kilometer-Märsche absolviert, aber die 100 Kilometer, die sind Neuland für mich. Entsprechend groß ist mein Respekt. Bei Kleidung und Ausrüstung bin ich meinem Prinzip „nur das Nötigste“ gefolgt. Handy und Wasserflasche passen in die Hosentasche. Ich liebe es, ohne Rucksack zu wandern.

20 Uhr: Es geht los. Ich will mein großes Wochenendabenteuer entspannt angehen, mit einem Schnitt von sechs Kilometern pro Stunde. Ich weiß von meinen Marathonläufen, dass ein zu hohes Anfangstempo sich am Ende bitter rächen kann.

22 Uhr: Wir sind mitten im Kottenforst in Richtung Friesdorf unterwegs. Es dämmert und wird still in der mittlerweile lang auseinandergezogenen Wandergruppe. Jeder ist mit sich und der Sorge um die kommenden, eintönigen Stunden in der Dunkelheit beschäftigt.

24 Uhr: Mitternacht, vier Stunden unterwegs, und die ersten Zipperlein melden sich. Jeder Langstreckenläufer oder Wanderer kennt das, die Frage ist immer nur: Welcher Schmerz verschwindet wieder so leise wie er gekommen ist und welcher setzt sich fest? Ein einsamer Zuschauer am Wegesrand ruft mir zu: „Du bis 83ster.“ Na toll, denke ich. Für den Platz diese Strapazen?

1.30 Uhr: Ich erreiche den Rhein und brauche Kaffee. Mich nervt jetzt die Dunkelheit. Reden hilft gegen die Eintönigkeit und lässt die Zeit schneller vergehen, also quatsche ich jeden Mitwanderer an. Und ich bekomme Antworten von Menschen, die ich nicht mal richtig sehen kann.

4.15 Uhr: Halbzeit in Remagen. Nudeln mit Tomatensauce, aber ich bin nicht in Pasta-Stimmung. Ich fühle mich zerschlagen und krank, habe keinen Appetit, dafür umso mehr Schmerzen. Nur Kopf, Arme und Hände sind ausgenommen, immerhin! Mein Körper signalisiert: Quäl mich nicht immer weiter, gib mir eine Pause!

5.27 Uhr: Sonnenaufgang, leider fühle ich mich nicht wie der junge Tag. Auch ein Müsliriegel und eine Banane versagen auf der ganzen Linie, von Energie keine Spur. Ich hoffe auf ein Zwischenhoch.

7 Uhr: Im Kurpark von Bad Neuenahr treffe ich auf die ersten Spaziergänger, denen mein Outfit und Gesichtsausdruck Rätsel aufgibt. Knapp 65 Kilometer liegen hinter mir, an Verpflegungsstation 8 gibt es Kaffee und Brötchen zum Frühstück. Bei mir kommt das ersehnte Zwischenhoch. Ich fühle mich insgesamt nicht mehr so erschlagen wie noch eine Stunde zuvor.

10 Uhr:Mayschoß, im Frühjahr war ich dort mit Freunden und der ein oder anderen Flasche Rotwein. Jetzt laufe ich hier kilometerlang für eine Banane. So ändern sich die Zeiten. Aber egal, ich fühle mich weiterhin gut, habe nur Angst vor der nächsten Schwächephase. Mein Tempo kann ich beibehalten, nur die Trinkpausen werden länger. Die Sonne brennt.

12 Uhr:Die Kalenborner Höhe ist erreicht. 250 Höhenmeter liegen hinter mir, jetzt sind die Füße wund, die Beine steif und der Kopf stumpf. Aber das Ende ist in Sicht, und das verleiht Flügel. Ich fliege durch den Hilberather Wald dem Ziel entgegen, so mein Gefühl.

13.30 Uhr:Ich habe kein gutes Straßengedächtnis, aber Burgacker werde ich in meinem Leben nicht vergessen, denn so heißt die Straße, die mich Richtung Ziel führt. Die Füße hängen irgendwo, nur nicht an den Beinen. Im Kopf breiten sich gewaltige Mengen an Glücksgefühlen aus. Und dann habe ich eine Flasche Bier am Hals, nach 17 Stunden und 31 Minuten auf der Strecke, die großartig waren und sehr weh getan haben.