Senioren- und behindertengerechte Stadt: So funktioniert die Barrierefreiheit in Rheinbach

Senioren- und behindertengerechte Stadt : So funktioniert die Barrierefreiheit in Rheinbach

Experten und Betroffene testen die Barrierefreiheit der Rheinbacher Innenstadt. Manche Geschäfte haben vorbildliche Lösungen gefunden. Treppenstufen, Bürgersteigkanten und zu enge Türen bereiten Probleme.

Renate Jorke ist täglich mit ihrem Erwachsenendreirad in Rheinbachs Innenstadt unterwegs. Das Fahrrad lässt sie am Leben teilhaben, denn ohne kann sich die MS-Kranke nicht mehr fortbewegen. Absteigen und Treppenstufen hochgehen ist ihr selbstständig nicht möglich. Mit dem Dreirad aber werden Einkäufe und Besorgungen in Einzelhandelsgeschäften schwierig.

Auch schon eine einzige Stufe wird zum unüberwindbaren Hindernis. Das wissen aus eigener täglicher Erfahrung auch Hans-Adam Breuer, der sich nur mit seinem Elektro-Scooter fortbewegen kann, und Sophia Bodes, die auf ihren Rollator angewiesen ist. Angesichts der älter werdenden Gesellschaft und der damit einhergehenden Mobilitätseinschränkungen wird die Barrierefreiheit im Alltag immer wichtiger. Wie ist es in Rheinbachs Innenstadt um die barrierefreie Erreichbarkeit der Geschäfte bestellt? Welche kleinen, praktikablen Lösungen gibt es, wenn keine Umbaumaßnahmen möglich sind?

Bei einer Quartiersbegehung mit Mobilitätsberaterin Cornelia Brodeßer von der Verkehrswacht Rhein-Sieg, Quartiersentwicklerin Katharina Wilhelm, Henning Horn, dem Vorsitzenden des Rheinbacher Seniorenforums, Hans Wilhelm Mostert, dem Vorsitzenden des Sozialverbandes VdK, Sabine Peters vom Sozialen Dienst des evangelischen Altenzentrums Haus am Römerkanal und Ergotherapeutin Kerstin Marx waren sie auf der Rheinbacher Hauptstraße unterwegs, um die Einzelhändler vor Ort anzusprechen und gemeinsam barrierefreie Lösungen für die Erreichbarkeit der Geschäftsräume zu finden. „Wir sprechen ja nicht für uns, wir sprechen für alle Menschen“, sagt Jorke, die auch Behindertenbeauftragte der evangelischen Kirchengemeinde ist.

Vorbildliche Lösungen in der Stadt

„Wir wollen mit der Begehung einige Jahre vorausschauen“, erläutert Quartiersentwicklerin Wilhelm. Wichtig sei es, zu sensibilisieren und Anregungen zu geben, so Mobilitätsberaterin Brodeßer. „Es ist umgekehrt ja auch wichtig für die Geschäfte, sich ihre Kunden auf Jahre zu sichern“, unterstreicht Jorke. „Ich habe das große Problem, in die Häuser zu kommen.“ Das zeigt sich schon bei der Stern-Apotheke. Es ist zwar nur eine einzige Stufe, doch auch die ist unüberwindbar für Jorke mit ihrem Dreirad und für Breuer mit seinem Elektro-Scooter.

Aber es gibt eine vorbildliche Lösung, wie Mobilitätsberaterin Brodeßer feststellt: einen Handlauf und eine Klingel, auf die gut sichtbar außen am Eingang des Geschäftes hingewiesen wird. Suhaila Steinkühler kommt gleich heraus, um das Rezept entgegenzunehmen. „Leider können wir keine Rampe bauen, das ist von der Bauweise her zu kompliziert“, bedauert sie. Das Klingelsystem habe sich aber als praktikable Lösung erwiesen.

Der Eingang zum Schuhgeschäft ist zwar ebenerdig. Aber mit dem Dreirad zwischen den Auslagen und Ständern zu manövrieren ist für Jorke schwierig. Und mit seinem noch größeren Scooter scheitert Breuer schon am Eingang. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen kommen Jorke, Wilhelm und Brodeßer ins Gespräch über mögliche Änderungen. Zwar verweisen die Mitarbeiterinnen auf den Inhaber als Ansprechpartner. Aber die Vorführung einer einfachen Lösung mittels einer Funkklingel überzeugt sie.

Klingeln am Eingang installiert

Brodeßer und Wilhelm haben das Funkklingelsystem mitgebracht und zeigen, dass für das Netzteil nur eine Steckdose notwendig ist und die Klingel draußen angeklebt werden kann. „Ohne bohren“, wie Brodeßer betont. Sie bieten die zentrale Bestellung eines Funkklingelsystems zum Selbstkostenpreis an. Auch soll ein einheitliches Piktogramm entwickelt werden, das auf die Klingel hinweist.

Einige Einzelhandelsgeschäfte haben eine solche Klingel mit einem entsprechenden Hinweisschild außen am Eingang schon installiert, wie die Buchhandlung Kayser. Viele haben auch zusätzliche Handläufe angebracht, wie die Obst- und Gemüsehandlung am Lindenplatz. Damit kommen leicht eingeschränkte Menschen wie Sophia Bodes noch zurecht. Sie lässt ihren Rollator dann einfach draußen stehen, wie sie sagt. Und die sehr aufmerksame Mitarbeiterin kommt schnell und bietet zur Sicherheit ihre Hilfe an.

Insgesamt findet die Begehung eine positive Resonanz bei den Rheinbacher Einzelhändlern. Viele freuen sich über den Tipp mit der Funkklingel. Denn sie haben sich schon Gedanken gemacht, wie sie auch ohne Rampenbau dennoch Barrierefreiheit herstellen können. Quartiersentwicklerin Wilhelm will über die erste Begehung eine Dokumentation erstellen. Dann sollen die Teilnehmer noch einmal zusammenkommen für eine weitere Begehung im übrigen Bereich der Kernstadt.