Nachtwächter-Tour: Seit 2008 führt Klaus W. Hofmann durch Rheinbachs Gassen

Nachtwächter-Tour : Seit 2008 führt Klaus W. Hofmann durch Rheinbachs Gassen

Mit dem neunten Glockenschlag am Abend, der von der Kirche Sankt Martin herüberhallt, betritt der altertümlich gekleidete Mann den Platz "Am Bürgerhaus". In der einen Hand trägt er eine Laterne, in der anderen eine Lanze.

Nicht nur diese Requisiten, Originale aus der heimatkundlichen Sammlung, weisen ihn als Nachtwächter aus, sondern auch der Sprechgesang, den er anstimmt: "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen...".

Rund um die Schwengelpumpe, dem Treffpunkt zum Nachwächter-Rundgang des Eifel- und Heimatvereins Rheinbach, warten diesmal trotz Kälte etwa 30 Personen. Er sei Niklas Aulick, unverheiratet, 66 Jahre alt und lebe etwa 200 Jahre vor unserer Zeit, stellt sich der Nachtwächter vor und lädt alle ein, ihn auf seinem Rundgang zu begleiten.

Wenn Klaus W. Hofmann in die Rolle des Nachtwächters schlüpft, gelingt es ihm innerhalb weniger Minuten, die Gruppe in seinen Bann zu ziehen. Am Wilhelmsplatz, wo die alte Aachen-Frankfurter Heerstraße durch die Stadt führte, auf der Kaufleute und Könige unterwegs waren, lege er Kindergruppen immer nahe, ganz still zu sein und zu lauschen, denn vielleicht könne man das Rufen der Fuhrleute, das Trampeln der Pferdehufe und Knarzen der Räder noch hören.

Wenn er dann frage, wem dies gelungen sei, gingen regelmäßig alle Arme in die Höhe. Schon beim Weihnachtsmarkt 2008, bei den beiden ersten Nachtwächter-Führungen Hofmanns, wurde er von mehr als 200 Menschen begleitet. Seither finden zwischen Oktober und April etwa acht Mal im Jahr öffentliche Nachtwächter-Rundgänge statt, zudem Gruppenführungen nach Vereinbarung. Ab Herbst wird jedoch ein anderer die Führungen übernehmen.

Der 77-jährige Klaus W. Hofmann und seine Frau ziehen nach Baden-Württemberg, in die Nähe der beiden Söhne und vier Enkelkinder. Seit 1967 lebt das Ehepaar in Rheinbach. Hofmann, der vor seinem Ruhestand als Diplom-Ingenieur und Nachrichtentechniker tätig war, ist nicht nur als Stadt- und Wanderführer für den Eifelverein aktiv, sondern engagiert sich auch bei der Initiative "Neue Pfade" und war früher Abteilungsleiter Fechten im Rheinbacher Turnverein.

"In Rheinbach bin ich daheim", erklärt der gebürtige Hesse. Erste Station auf dem Rundgang: das alte Rathaus, das sich einst direkt neben der Schwengelpumpe befand und von dem heute nichts übrig ist. Um 1820 stand hier ein Bau, der ein erstes Rathaus ersetzte, das dem Stadtbrand 1686 zum Opfer gefallen war. Feuer rechtzeitig zu entdecken, sei seine eigentliche Aufgabe und die seines 42 Jahre alten, verheirateten Kollegen Georg Roxem, erklärt Aulick.

Den Namen Niklas Aulick hat Hofmann seinem Alter Ego selbst gegeben. 90 Prozent dessen, was er erzähle, sei überliefert. Nur ein kleiner Teil entspringe seiner Fantasie, erklärt der Geschichtskenner. In der fraglichen Zeit gab es tatsächlich zwei Nachtwächter in Rheinbach, weiß er. Der Arbeitsvertrag vom Januar 1816 befinde sich im Stadtarchiv.

Auf dem Weg durch die Stadt führt Hofmann die Gruppe durch Bach- und Polligstraße zum Prümer Wall und über Wilhelmsplatz und Hauptstraße zurück zum Ausgangspunkt und erzählt dabei allerlei Geschichtchen und Geschichte. Munter plaudert der Nachtwächter über die Lebensweise der etwa 1300 Bürger seiner Zeit, die häufig als Gerber und Weber ihr Brot verdienten, erläutert die Bauweise der 200 Fachwerkhäuser im früheren Rheinbach und berichtet von einem Gefangenenausbruch 1818 und der großen Wirtshaus-Schlägerei beim Kirmestanz 1802 zwischen Rheinbachern und französischen Brigadisten, bei der sogar geschossen wurde.

Eine gute Stunde dauert die Tour und endet mit den Worten: "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen, unsere Glock hat längst schon zehn geschlagen..." Für seinen Nachfolger hat Hofmann einen Tipp: "Man muss die Stadtgeschichte kennen und sich auf die Menschen, die man führt, einlassen - dann gelingt es, sie mit in eine andere Zeit zu nehmen."

Die letzte öffentliche Nachtwächter-Tour mit Klaus W. Hofmann als Niklas Aulick findet am Freitag, 12. April ab 21 Uhr statt. Treffpunkt: Schwengelpumpe "Am Bürgerhaus".

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