Lesung in Rheinbach: Schüler bekommen Aufklärung über Holocaust

Lesung in Rheinbach : Schüler bekommen Aufklärung über Holocaust

Zur Sensibilisierung für das Thema Holocaust lesen Judith Stapf und Christoph Ahrweiler in Rheinbach vor Schülern. Die Musikerin hat als Teenager den Holocaust-Überlebenden und "Schindler-Juden" Jerzy Groß kennengelernt und mit ihm das Vernichtungslager Auschwitz besucht.

Die Intention der aus Merzbach stammenden Violinistin Judith Stapf ist es, mit ihren musikalischen Lesungen dazu beizutragen, dass die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Jerzy Groß auch nach seinem Tod im Jahr 2014 weitererzählt wird. Vor allem Jugendliche will die Musikerin motivieren, über dieses Kapitel der deutschen Geschichte miteinander zu sprechen. Als Elfjährige war die inzwischen vielfach preisgekrönte Geigerin – getrieben von dem Wunsch, Kompositionen ihres großen Idols Itzhak Perlman spielen zu können – auf die Titelmusik des Kinofilms „Schindlers Liste“ gestoßen.

Um die Komposition für ihr Geigenspiel begreifen zu können, beschäftigte sie sich als junges Mädchen intensiv mit dem Nationalsozialismus und lernte über die Kölner Journalistin Angela Krumpen den Holocaust-Überlebenden Jerzy Groß persönlich kennen. Aus seinen Erzählungen erfuhr Stapf, wie er als „Schindler-Jude“ das Nazi-Regime überlebt hat. Im Jahr 2010 reisten der alte Mann und der Teenager gemeinsam auf den Spuren der Vergangenheit nach Polen. Die Erlebnisse sind von Krumpen in dem Buch „Spiel mir das Lied vom Leben – Judith und der Junge von Schindlers Liste“ literarisch aufgearbeitet worden. Daraus las Judith Stapf nun gemeinsam mit Buchhändler Christoph Ahrweiler vor Schülern der Jahrgangsstufe 9 im Sankt-Joseph-Gymnasium (SJG) und in der Gesamtschule.

In der Aula des SJG herrschte während der gesamten Veranstaltung eine bedrückende und für die Altersklasse ungewöhnliche Stille. Die rund 120 Schüler schienen in eine fassungslose Schockstarre gefallen zu sein, als zu Beginn der Lesung Passagen des Kinofilms „Schindlers Liste“ zu sehen waren – überaus bewegend, musikalisch untermalt von der Titelmusik, die von Judith Stapf auf ihrer Geige und mit Klavierbegleitung ihres Vaters gespielt wurde.

Während die Lesung im Erzbischöflichen Gymnasium im Rahmen der schuleigenen Fastenaktion „Etwas in den Blick nehmen“ angeboten wurde, zog sich die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in der Gesamtschule wie ein roter Faden durch den Epochenunterricht der vergangenen Monate. „Wir haben uns in den letzten Jahren mit szenischen Lesungen an der Rheinbacher Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus beteiligt“, berichtete Eva Knips, die als Lehrerin für Deutsch und Geschichte das Projekt federführend betreut.

Sieben Schüler der Jahrgangsstufe 9 hatten zur Gedenkstunde am 27. Januar im Rheinbacher Rathaus einen bewegenden Beitrag geleistet und die Erlebnisse von Judith Stapf dabei in den Mittelpunkt gerückt. „Wichtig ist uns nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern vor allem der Blick in die Zukunft, um die Jugendlichen für die aktuellen Entwicklungen zu wappnen“, so Knips.

Genau dort setzt auch Stapf an. „Ich habe mich von Menschen abgegrenzt, als ich merkte, dass sie Rassisten sind“, sagt sie und glaubt heute, dass genau diese Blockade der Anfang vom Ende sei: „Nur wenn man sich damit beschäftigt, was Menschen bewegt, um so zu werden, kann man verstehen, warum Täter zu Tätern werden – und gegensteuern“, positioniert sich die 21-Jährige, die im Januar 2017 mit ihrem Geigenspiel an der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag mitwirkte und den Auftritt von Anita Lasker-Wallfisch als beeindruckend in Erinnerung hat: „Sie hat den Holocaust erlebt und überlebt und hat heute die Stärke, im Bundestag vor allen zu sprechen. Auch vor denen, die ihre Erlebnisse leugnen“.

Im Anschluss an die Lesung im SJG berichteten Schüler von ihrer Reise zum Konzentrationslager Auschwitz. „Natürlich kennen wir die deutsche Geschichte, aber so im Unterricht erlebt man es eher distanziert“, sagte Alexander aus der Jahrgangsstufe 11. Der Besuch der Baracken und der Anblick der Berge von Schuhen, von denen man wusste, dass sie alle grausam zu Tode gekommenen Menschen gehört haben, habe ihn zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik gebracht. „Da fragt man sich sofort, was man selbst getan hätte und was man in solch einem Regime hätte bewirken können.“ Hier hob Christoph Ahrweiler einen wichtigen Ansatzpunkt hervor: „Man muss früh gegensteuern und darf den Zeitpunkt nicht verpassen, bevor eine schwer überwindbare Hürde da ist.“

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