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Seelsorge im Gefängnis: Mittwochs ist Bibelstunde in der JVA Rheinbach

Seelsorge im Gefängnis : Mittwochs ist Bibelstunde in der JVA Rheinbach

Wenn Pfarrer Stefan Schwarz morgens in die Justizvollzugsanstalt kommt, liegen schon bis zu zehn Anträge für Gespräche in seinem Fach. Für die Häftlinge ist er ein wichtiger Zuhörer und Ratgeber. Auch die wöchentliche Bibelrunde ist beliebt.

Aus den Lautsprechern in der Wand ertönt eine Stimme: „Die Bibelstunde von Pfarrer Schwarz – bitte fertig machen.“ Neun Männer sitzen am Tisch. Alle haben ihren Kopf gesenkt, den Blick auf die vor ihnen liegende Bibel gerichtet. Der Raum ist klein, Heiligenbilder hängen neben einem Fernseher an der Wand, in einer Ecke plätschert ein Aquarium vor sich hin. Die Fenster zum Hof sind vergittert.

Pfarrer Stefan Schwarz hat seine Brille abgenommen. Er liest aus dem Fünften Buch Mose, Kapitel 11, die anderen hören zu. Sie tragen blaue T-Shirts – das Kennzeichen für einen Häftling. Schwarz ist katholischer Seelsorger an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rheinbach. Er hört sich die Sorgen und Probleme der Häftlinge an, betet mit ihnen und steht mit Ratschlägen zur Seite. Und hält mittwochs eine Bibelstunde ab.

Gespräche in der Zelle oder im Büro

Jeden Morgen hat er bis zu zehn Anträge für ein Gespräch in seinem Fach, die Schwarz gewichtet. „Das Erste, was ich täglich mache, ist mein Rundgang. Ich gehe zu den Antragstellern und höre mir ihre Anliegen an. Dann muss ich bewerten, was ich als Erstes mache und ob das Gespräch in der Zelle oder in meinem Büro am günstigsten ist.“ Sein Büro ist mit einem Schloss verriegelt. Ein Regal voller Bibeln in verschiedenen Sprachen und Farben steht in einer Ecke, an der Wand hängt eine große israelische Flagge, jede volle Stunde ertönt eine Kuckucksuhr.

Viele Gespräche drehen sich um Eheprobleme, erzählt er. Er höre ihr nicht richtig zu oder umgekehrt, lautet etwa ein Vorwurf. „Manche bitten mich darum, dass ich ein Gespräch organisiere und dann dabeibleibe“, sagt der Pfarrer. Er weiß von Häftlingen, dass es schwierig ist, eine Beziehung während einer Haftstrafe intakt zu halten. Manchmal kommen die Gefangenen auch zu ihm und fragen, wie man eine Hochzeit arrangieren kann.

Ein Afghane ist neu in der Runde

Zwei Neue sind heute in der Bibelstunde dabei. Einer von ihnen ist Afghane. „Wie jede Woche beginnen wir mit einer Runde zum Warmwerden“, eröffnet Schwarz. Jeder kann sagen, wie es ihm geht, was ihn bewegt – oder das Wort an den Nächsten weitergeben. Einer berichtet, sein Anwalt habe sich wieder gemeldet, andere erzählen von einer Ausgangssperre wegen einer Streiterei. Es geht um den Haftalltag, das Wetter und Krankheiten. „Wo sitzt du?“, fragt einer den Afghanen.

Dann wird aus der Bibel gelesen. Anschließend gibt es Zeit für Verständnisfragen und eine inhaltliche Diskussion. Die Männer in der Runde stellen Fragen zur Moral, zur Geschichte und zum Glauben. Am Ende gibt es Kaffee. So geht es jede Woche ein Kapitel in der Heiligen Schrift weiter.

Schwarz' erster Seelsorgefall in der JVA war ein krankhaft eifersüchtiger Mann, wie er sich erinnert. „Der war in einem Teufelskreis, kam immer wieder wegen Gewalttaten zurück ins Gefängnis.“ In den vielen Gesprächen versuchte der 57-jährige Geistliche, vor allem die Sicht eines Opfers zu vermitteln. Anschließend sah er den Gefangenen nie wieder. „Diesen Erfolg reklamiere ich aber nicht für mich“, sagt Schwarz.

Sonntags hält er in der JVA-Kapelle einen Gottesdienst. Fast 200 Menschen passen in den Saal, 40 bis 50 sind meistens da. Neben dem Altar steht eine Statue der heiligen Barbara von Nikomedien, Patronin der Festungsbauten und Schutzheilige der Bergleute.

"Ohne ihn wäre dieser Ort noch dunkler"

Der Pfarrer ist überzeugt, dass die wöchentliche Bibelstunde den Häftlingen etwas bringt: „Vor Gott sind alle Menschen gleich. Er verzeiht jedem, wenn dieser sich auch wirklich ernsthaft ändern will. Diese religiöse Komponente spendet den Häftlingen Kraft und gibt ihnen vielleicht auch Hoffnung.“

„Hier bin ich mit anderen Menschen zusammen und kann mal abschalten“, sagt einer der Häftlinge. „Pfarrer Schwarz hat schon die Beerdigung meines Vaters begleitet. Ich fühle mich mit ihm verbunden. Ohne ihn wäre dieser Ort noch dunkler“, glaubt ein anderer. „Die Religion ist eine Symbolsprache – man braucht jemanden, der sie einem erklärt, damit man nichts falsch versteht“, meint der Afghane.

Eine der größten Herausforderungen sei es, sich nicht von den Häftlingen instrumentalisieren zu lassen, sagt Schwarz. „Ein Wunsch nach einem Gespräch kann sich schnell in eine Bitte nach einem Telefonat verwandeln, doch das darf ich nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel im Todesfall eines Verwandten, erlauben“, sagt der Seelsorger.

Nach 90 Minuten ist die Bibelstunde vorbei. Anschließend müssen alle wieder zurück in ihre Zellen. Wenn die schweren blauen Türen zufallen, hallt das Geräusch durch den gesamten Trakt.