Haariger Hilfspädagoge im Rheinbacher Gymnasium: Lehrerin auf vier Pfoten

Haariger Hilfspädagoge im Rheinbacher Gymnasium : Lehrerin auf vier Pfoten

Hundegestützte Pädagogik ist ein Trend. Im Klassenzimmer ist es ruhiger und sauberer, und die Schulkinder fühlen sich einfach wohler. Labradorhündin Momo aus Rheinbach ist der einzige Schulhund im linksrheinischen Kreis.

Wie lange Hugo schon im Schuldienst ist, weiß niemand am Erzbischöflichen Sankt-Joseph-Gymnasium (SJG) in Rheinbach mit Gewissheit. Sein Alter lässt sich das Schulskelett nämlich nicht anmerken. Im Naturwissenschaftsunterricht (kurz: Nawi) von Cornelia Otremba leistet Hugo geduldig, aber stumm seinen Dienst, wenn es darum geht, den Knochenbau der menschlichen Anatomie zu studieren.

Weniger still hält mitunter Momo: Als Isabelle und Juli aus der 6b im Nawi-Unterricht zeigen wollen, wo bei einem Hund das Kniegelenk zu finden ist, steht die ein Jahr alte Labradorhündin kurzentschlossen auf, streckt sich ausgiebig, um dann erst wieder konzentriert am Unterricht teilzunehmen. Alles lacht, aber leise, denn die „Lehrerin auf vier Pfoten“ mag keinen Lärm. Momo ist der einzige Schulhund im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis.

Als „Canis Scholaris“ (Schulhund) mit Zertifikat als „Lehrer-Schulhund-Team“ ausgestattet, nimmt Otremba ihre Hündin nicht nur als lebendes Anschauungsobjekt mit in die Schule. Das Konzept der sogenannten hundgestützten Pädagogik, welches jetzt am SJG Einzug gehalten hat, ist vielschichtig, wie die Lehrerin für Biologie und Chemie im Gespräch mit dem GA berichtet.

„Im oft hektischen Schulalltag zaubert Momo ein kleines Lächeln auf die Gesichter zahlreicher Schüler und Lehrer.“ Die Vierbeinerin mit dem kurzen, schokobraunen Fell, die an der Lehrergalerie ihr eigenes Porträtfoto hat, ist zugleich Stressfresserin, Wohlfühlförderin sowie prädestiniert für die Lese-, Sprach- und Bewegungsförderung. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Momos Anwesenheit tatsächlich auf Schüler beruhigend wirkt“, sagt Otremba.

Hund fördert Persönlichkeitsentwicklung

Außerdem spiele die Förderung der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung durch das Tier eine große Rolle, wie die Rheinbacherin in ihrer Ausbildung theoretisch gelernt und praktisch in ihren Unterrichtsgruppen und in der Zusammenarbeit mit den Flüchtlingskindern erfahren hat. „Gerade ruhige und schüchterne Kinder und Jugendliche werden gefördert und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt“, so Otremba. Einige Kinder hätten bereits ihre Angst vor Hunden abgebaut.

Wenn Momo und ihre Anatomie mal nicht vonnöten sind, liegt sie entspannt auf einer grünen Decke und streckt alle Viere von sich. Labradore gelten als besonderes ausgeglichene Hunderasse, die auf Alltagssituationen mit Gelassenheit reagieren. „Sie lässt die Ohren hängen, wenn es zu laut ist“, berichtet ihr Frauchen. Der Nebeneffekt von Momos Anwesenheit ist beachtlich – wenn auch im Wortsinne kaum hörbar: Im Nawi-Unterricht von Cornelia Otremba ist die konzentrierte Stille raumgreifend.

Momo-Stunde als Belohnung

Von Anfang an ein Freund des Projekts ist Michael Bornemann, Direktor am SJG. „Die Idee kommt gut an und wir finden sie sehr unterstützenswert“, sagt er. Zwar gibt es in NRW einige Förderschulen und Grundschulen, die einen „Canis Scholaris“ in Diensten haben, an einem Gymnasium betreten die Rheinbacher allerdings Neuland. Während des Unterrichts bewegt sich Momo frei in der Klasse. Die Schüler dürfen sie aber nicht zu sich rufen. Sie entscheidet, zu wem sie geht, und kann sich auch hinlegen. Die Schüler dürfen Momo auch während der Stunde streicheln, wenn sie kommt, müssen es aber nicht.

Doch nicht nur für die Gymnasiasten gibt es Regeln im Umgang mit dem Schulhund, auch Momo darf noch lange nicht alles. So sind etwa die Schulküche, die Mensa und der Schulkiosk tabu. Dabei interessiert sich die Hündin vor allem für Otrembas Belohnungen: maulgerecht geschnittene Möhrenstücke.

Apropos Belohnung: Als Anreiz zum Lernen hat Cornelia Otremba auch ein Belohnungssystem für die Schüler entwickelt. „Über diese Motivation können Fortschritte im Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten erzielt werden“, sagt sie. Und so funktioniert es: Wer zehnmal eine Karte mit der Aufschrift „Toll gelernt“ ergattert, beispielsweise für gute Mitarbeit oder Benehmen, bekommt eine „Momo-Stunde“ – etwa zum Spazieren im nahen Stadtpark. Blöd an der Momo-Stunde ist nur eins: Sie geht viel zu schnell vorbei – schneller als so manche Schulstunde.

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