Krimiautor Wolfgang Schorlau über seine Auszeichnung in Rheinbach

Gespräch mit Krimiautor Wolfgang Schorlau : „Die Recherche ist sehr aufwendig“

Wolfgang Schorlau ist ein bekannter Krimiautor, der mit seinem Ermittler Georg Denkler Bekanntheit erlangt hat. Im Gespräch mit dem General-Anzeiger spricht er über seine Arbeit und wann der nächste Fall seines Krimi-Ermittlers erscheinen wird.

Nicht wenige Menschen sagen, dass Wolfgang Schorlau und sein Ermittler Georg Dengler die NSU-Morde auf literarische Weise besser aufgeklärt haben, als es der Mammutprozess vor dem Münchner Landgericht getan hat. Am kommenden Dienstag erhält der Krimiautor aus Stuttgart zum Auftakt der Krimiwoche den Rheinbacher Glasdolch. Mit dem 67-Jährigen sprach Mario Quadt.

In Ihren Romanen beschäftigen Sie sich bevorzugt mit hochbrisanten politischen Themen der Zeitgeschichte wie dem NSU-Terror oder der RAF. Beim Lesen habe ich den Eindruck, dass Sie mit ihren Recherchen auch ein spannendes Sachbuch füllen könnten. Was fasziniert Sie am Genre Kriminalroman, dass sie ihm solch üppige Kulissen zaubern?

Wolfgang Schorlau: Was der Kriminalroman verspricht, ist Spannung. Und Spannung ist das, was gute Literatur und - ein gutes Leben - auszeichnet. Ich glaube, dass der Kriminalroman nicht ohne Grund im Augenblick so populär ist. Buchhändler berichten mir, dass heute etwa 60 bis 70 Prozent der verkauften Belletristik Kriminalromane sind. Das Geheimnis liegt darin, dass die Leser mit der Kriminalliteratur Spannung, also gute Literatur, verbinden.

In Ihrem neunten Dengler-Fall geht es um die Griechenland-Krise und die sogenannte Euro-Rettung - ein sehr komplexes Thema, das uns über Monate beschäftigt hat. Wie viel Zeit verbringen Sie vor dem Schreiben mit der Recherche?

Schorlau: Das ist unterschiedlich - in der Regel sehr viel. Ich bemühe mich, in dem jeweiligen Thema, zu dem Georg Dengler ermittelt, mich wirklich auszukennen. Das heißt: Ich lese die verfügbare Literatur, ich spreche mit Leuten, die mehr zum Thema wissen als ich. Und ich schaue mir die Schauplätze alle an. Die Recherche ist sehr aufwendig bei der Art, wie ich schreibe.

Bitter - im Wortsinne - ist es zu lesen, dass Dengler frisch gepressten Grapefruitsaft mit Campari mischt, um ihn seinem Team zu kredenzen. Haben Sie diese Geschmackskombination selbst recherchiert?

Schorlau: Ja. Ich glaube, das ist sogar eine Erfindung von mir. Da gehört - um ehrlich zu sein - noch etwas dazu: Es muss jeweils ein Drittel Campari sein, ein Drittel Grapefruitsaft und ein Drittel Crémant oder Sekt. Mein Tipp: Trinken Sie davon nicht mehr als ein Glas.

Warum diese Einschränkung?

Schorlau: Trinken Sie zwei davon, dann wissen Sie es.

Um die Schuldenlast der Griechen ist es nachrichtlich eher ruhig geworden. Aber Ansprüche auf Reparationen bringen die jüngsten griechischen Regierungen immer wieder vor. Zu Recht?

Schorlau: Ja, absolut. Sie müssen sich vorstellen, dass Griechenland nicht ganz drei Jahre von der Wehrmacht besetzt war. Während der Besatzung sind zehn Prozent der griechischen Bevölkerung gestorben - entweder unmittelbar erschossen worden oder verhungert. Im Winter 1941/42 ist im Zug der deutschen Besatzung die Lebensmittelversorgung zusammengebrochen. Alleine im Raum Athen sind 40.000 Menschen verhungert. Die komplette Infrastruktur des Landes wurde zerstört. Daraus ergibt sich ein völlig legitimer Anspruch auf Reparationen. Meiner Meinung nach müsste unsere Regierung zumindest bereit sein, darüber zu verhandeln. Das wäre ein angemessenes Signal an die griechische Regierung und ans griechische Volk.

Man kann es sich seitens der Bundesregierung gewiss nicht so leicht machen zu sagen, dass mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag der beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten die Frage der Reparationen "abschließend geregelt" ist, wie jüngst noch einmal kundgetan.

Schorlau: Allein der Name Zwei-plus-vier-Vertrag ist ein ziemlich übler Trick. Man nennt ihn nicht 'Friedensvertrag', um der Frage der Reparationen aus dem Weg zu gehen. Das Problem der deutschen Schuld und der deutschen Verantwortung ist allerdings damit nicht erledigt. Der deutsche Standpunkt, dass europäische Integration eine Supersache ist, solange es sie umsonst gibt, finde ich ziemlich abstoßend.

Euro-Rettung und Finanzkrise sind ungeheuer komplex. Gleichwohl lassen Sie einen mit Dengler befreundeten Journalisten sagen: "Man sollte den Leser nicht unterschätzen?" Ist das eine Devise, die hilft, Ihnen die Feder zu führen?

Schorlau: Was ich mache, ist im Rahmen des Kriminalromans nicht so einfach zu durchschauende politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge zu erklären - so dass sie jeder versteht. Mir ist aufgefallen, dass während der Finanzkrise das Thema zwar in den Schlagzeilen und Fernsehnachrichten an erster Stelle ausgebreitet worden ist, aber man hat nicht wirklich begriffen, warum es eigentlich ging. Ganz begriffen habe ich noch nicht, warum man es nicht begriffen hat? Vielleicht war es so, weil einige Medien eine ziemlich einfache und chauvinistische Antwort gegeben haben: Die Krise sei dadurch entstanden, dass die Griechen ein faules Volk sind. Das wurde von einer bestimmten Sorte der Massenpresse aber auch vom "Spiegel" damals so geschrieben.

Unser Bundeswirtschaftsminister ruft momentan zu einer neuen Gründerzeit auf; einer Kultur, leichter ein Unternehmen - neudeutsch Start-up - zu gründen. Sie sind den umgekehrten Weg gegangen: Raus aus der Selbstständigkeit als Programmierer, rein ins Autorentum. Warum?

Schorlau: Es ist eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen. Weil es wahnsinnig viel Spaß macht, mit Georg Dengler in jedem Roman in eine unbekannte Welt einzutauchen, von der ich vorher nicht so viel weiß, und mit ihm zusammen diese Abenteuer zu bestehen. Dabei ist es hilfreich, das gebe ich zu, dass die Bücher ganz erfolgreich sind.

Ihr Privatermittler Dengler könnte als ehemaliger BKA-Beamter durch-aus eine rheinische Vergangenheit haben. In Meckenheim gibt es eine Außenstelle des BKA, die sich zu Hauptstadtzeiten brüstete, so etwas wie Hauptstadtbüro gewesen zu sein. Ob Dengler in einem Ihrer nächsten Romane nicht dort mal tätig gewesen sein könnte - vielleicht zu Zeiten von Strauß, Kohl, Brandt und Wehner?

Schorlau: Da war er noch nicht Polizist. Aber: Georg Dengler war in Meckenheim. Er war in jungen Jahren Personenschützer gewesen. Da in Meckenheim der Personenschutz ansässig war, kennt sich Dengler dort gut aus. Manchmal geht er immer noch zu den jährlichen Spießbratenfesten - und kommt mit einem Stapel interessanter Akten zurück nach Stuttgart.

Nach Val McDermid und Peter James sind Sie der dritte Preisträger des Rheinbacher Glasdolchs, einer Auszeichnung für ausgezeichnete Verdienste um die Kriminalliteratur. Freut Sie das?

Schorlau: Ja, klar. Ich schreibe ja nicht für mich. Es freut mich, wenn auch andere sehen, dass ich mich bemühe, dem deutschen Kriminalroman eine neue Farbe hinzuzufügen. Wenn das sichtbar wird - Klasse!

Verraten Sie uns, womit es Dengler im zehnten Fall zu tun bekommt?

Schorlau: Der zehnte Fall wird wahnsinnig spannend. Dengler muss sein ganzes Können in die Waagschale werfen und trotzdem wird es sehr, sehr knapp für ihn. Schade, dass ich Ihnen nicht mehr verraten kann...

Sie wollen nicht verraten, welchem Thema Sie sich als nächstes annehmen...

Schorlau: Ich kann Ihnen sagen, dass der nächste Dengler im November 2020 erscheinen wird. Und ich kann sagen, dass ich zwischendurch eine kleine Dengler-Pause genommen habe. Mit einem Freund, dem italienischen Schauspieler Claudio Caiolo, habe ich eine neue Serie geschrieben, die in Venedig und Sizilien spielt. Dieses Buch erscheint im März.

Rheinbacher Glasdolch: Karten für die Lesung samt Verleihung am Dienstag, 5. November, ab 19 Uhr im St.-Joseph-Gymnasium gibt es für 15 Euro in den Vorverkaufsstellen von Bonnticket, in der Buchhandlung Kayser in Rheinbach und auf bonnticket.de.