„Das Böse gibt es nicht“: Julia Shaw zu Gast auf dem Sofa in Rheinbach

„Das Böse gibt es nicht“ : Julia Shaw zu Gast auf dem Sofa in Rheinbach

Die Kriminalpsychologin und Buchautorin Julia Shaw beschreibt Forschungsansätze zu Gut und Böse. Die 31-Jährige ist in Köln geboren, in Kanada aufgewachsen und lebt in London.

Krimiautoren wären entsetzt, Drehbücher sinnlos und Polizei bräuchten wir nicht mehr. Zumindest dann, wenn das wirklich wahr wäre, was Julia Shaw in ihrem Vortrag in der Rheinbacher Hochschulbibliothek provokant sagt: „Das Böse gibt es nicht.“ Hört man genau hin und liest das just erschienene Buch „Böse: Psychologie unserer Abgründe“, wird der Sinn der These klarer umrissen: Es gibt das objektive „Böse“ nicht, wie die Gesellschaft es mehrheitlich definiert und stigmatisiert.

Viele Forscher haben sich mit Erklärungsversuchen verschiedenster Art bemüht, dem Gegenspieler des Guten auf die Spur zu kommen. Der Versuch, anatomische Eigenheiten im Gehirn verantwortlich zu machen, scheiterte ebenso wie das Postulat, Umwelt und Gesellschaft trügen die Schuld am Entstehen des Bösen im Menschen. Auch die dunkle Tetrade, die Persönlichkeiten in Machiavellisten, Sadisten, Narzissten und Psychopathen einteilt, kann längst nicht alle Phänomene des „Bösen“ zufriedenstellend erklären. Ebenso findet man keine absoluten Ursachen in der Erziehung.

Die Frage sei nicht, ob es das Böse gibt, sondern warum es passiert und wie man es verhindern kann, stellte die Wissenschaftlerin in den Raum. Und warum klassifizieren wir Alltagsbosheiten nicht als grundsätzlich böse, den Serienmörder aber schon? Jeder der Anwesenden im vollen Hörsaal sei Studien zufolge in der Lage, einen Mord zu begehen. „Wie viele von Ihnen hatten schon einmal Mordfantasien?“, fragte Julia Shaw offen. Irritation, verlegenes Kichern, urplötzliche konzentrierte Betrachtung eines imaginären Flecks auf der Stuhllehne des Vordermanns beantworteten die Frage. Die meisten Menschen hätten solche Fantasien schon einmal gehabt, beruhigte Shaw.

Aber warum dreht nicht jeder seinem Chef, Gatten oder Nachbarn den Hals um, weil er sich über ihn ärgert? Eine Begründung sei, dass die meisten Menschen sich vorstellen könnten, genau das zu tun. Denn wer sich das vorstellen könne, der kenne auch die Konsequenzen.

Weil man diese in der Regel nicht tragen will, überlebt mancher Nachbar offenbar trotz zu lauter Musik oder rücksichtslos geparktem Auto. Nur wenige untersuchte Morde gäbe es, die tatsächlich als Mord inklusive der Folgen detailliert geplant gewesen seien, erklärte die Psychologin.

Ob denn in unserer Zeit, in der alles schlimmer zu werden scheint, ihr Werk quasi „ein Buch zur richtigen Zeit“ sei, fragte Moderatorin und stellvertretende Bibliotheksleiterin Susanne Kundmüller. „Die Menschen sind nicht schlechter als sie es früher waren“, widersprach Shaw.

Mit ihrem Buch will sie die Suche nach Antworten auf die Frage „Warum ist das passiert?“ unterstützen. Sie selbst habe mit vier oder fünf Jahren die ersten Zweifel gehegt, ob es das Böse überhaupt so gibt, wie man es ihr vorgaukelte. „Ich habe meine Großmutter nie kennengelernt. Heute kenne ich die Geschichte, die der Grund dafür war“. Und der sei nicht sinnvoll gewesen, findet sie.

Julia Shaws ursprüngliche Heimat ist Köln. In Kanada aufgewachsen, lebt sie heute in London und erforscht Rechtspsychologie, Erinnerung und künstliche Intelligenz am University College London. Die Referentin, Bestsellerautorin und Wissenschaftlerin berät Justiz, Wirtschaft und das Militär im deutschen und englischen Sprachraum.

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