Gespräch am Wochenende: Journalistin Mareike Nieberding über ihre Lesung

Gespräch am Wochenende : Journalistin Mareike Nieberding über ihre Lesung

Im Gespräch am Wochenende spricht Journalistin Mareike Nieberding über die demonstrierende Jugend und ihre Lesung in Rheinbach.

„Verwende deine Jugend" mahnt die Journalistin Mareike Nieberding in ihrem gleichnamigen Buch. Die Gründerin der überparteilichen Jugendbewegung "Demo" ist am Freitag, 11. Oktober, 19.30 Uhr, in Rheinbach "Zu Gast auf dem Sofa". Mit der 32-Jährigen sprach Mario Quadt.

Als der Immobilienmogul und Reality-TV-Star Donald Trump zum 43. Präsident der USA gewählt worden ist, fielen viele Menschen in eine Art Schockstarre. Sie gründeten die Jugendbewegung "Demo", aus welcher Motivation heraus?

Mareike Nieberding: Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt an uns ist, was zu tun. Es sollte uns nicht dasselbe ins Haus stehen wie den Amerikanern mit Trump. Ich hatte den Sommer 2016 in den USA verbracht - als Journalistin - und war dadurch ziemlich politisiert. Zurück in Deutschland wollte ich etwas dagegen tun, dass es bei uns bei der Bundestagswahl ein Jahr später zum ähnlichen Rechtsruck kommt. Ich hatte schon damals den Eindruck, dass es Kräfte in der AfD gibt, die mit diesem Land etwas vorhaben, was meinem Demokratieverständnis zuwiderläuft. Darum wollte ich aktiv werden und mit Menschen in Kontakt treten.

Was macht "Demo" konkret?

Nieberding: Wir wollten nicht weniger als die Menschlichkeit retten. Das klingt ziemlich größenwahnsinnig, ist aber darum umso schöner. Die Idee von "Demo" ist, Menschen für Politik zu begeistern und besonders junge Menschen zum Wählen zu motivieren. Im Jahr vor der Bundestagswahl sind wir vor allem in Schulen und Berufsschulen gegangen, um zu verstehen, was Jugendliche umtreibt und was sie sich unter Politik vorstellen. Das war eine sehr positive Erfahrung. Die Jugendlichen hatten zwar keine Lust auf Parteien, aber durchaus auf Politik. Außerdem haben wir Straßenaktionen, Informationsveranstaltungen und Abendveranstaltungen gemacht, auch nach der Bundestagswahl.

Ist der Schwung, sich zu engagieren, vor Wahlen größer?

Nieberding: Ja, natürlich. Das habe ich an mir selbst gemerkt. Bei der Bundestagswahl 2017 haben wir gespürt, dass etwas auf dem Spiel steht - ebenso bei den jüngsten Landtagswahlen. Wenn man sich engagieren will, ist es immer gut, ein Ziel vor Augen zu haben.

Sie führen aus, dass 32 Prozent der Jugendlichen sagen, dass ihnen politisches Engagement wichtig ist. Wie wollen sie die übrigen 68 Prozent vom Smartphone weglocken?

Nieberding: Als Erstes möchte ich, dass die 32 Prozent überhaupt als solche wahrgenommen werden. Das ist ein bisschen besser geworden, seitdem 'Fridays For Future' so laut und sichtbar geworden ist. Endlich verstehen die Menschen, dass Jugendliche keine hedonistischen Smartphonezombies sind. Ich sehe aber die Gefahr, dass das Potenzial, das in 'Fridays For Future' steckt, wieder verschenkt wird. Wenn die Aktivsten das Gefühl bekommen, nicht gehört zu werden. Zum Aktivsein gehört mitunter, enttäuscht zu werden. Und wie wir die anderen 68 Prozent erreichen? Gute Frage. Alleine werden wir das mit "Demo" nicht schaffen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Jugendlichen, die bereits aktiv sind, sich auch über ihre Generation hinaus mit ihren Eltern und Großeltern zusammentun. Sie sind so stark in der Unterzahl, sie werden die Älteren in den kommenden Jahren brauchen.

Sie beschreiben, dass sogar Eintagsfliegen, die wegen des Insektensterbens nicht mehr auf der Windschutzscheibe kleben, ebenso Politik sind, wie das Ehegattensplitting. Heißt: Die Bandbreite, sich zu engagieren, ist riesig.

Nieberding: Die ist riesig, und sie liegt viel näher, als man sich das vor Augen führt. Für mich war Politik früher etwas, was abends in den Nachrichten oder auf Parteitagen stattfand. Mittlerweile weiß ich, dass mein kompletter Alltag politisch ist. Eine Blumenwiese zu pflanzen, das Auto mal stehen zu lassen oder den Kollegen im Büro mit seinem Sexismus zu konfrontieren, ist alles politisch. Sich das bewusst zu machen, hilft, die Angst vor dem Politischsein abzubauen.

Greta Thunberg hat jüngst in ihrer Rede in New York angeprangert, dass sie durch das Nichtstun bei der Klimapolitik ihres Jugend beraubt worden sei. Kommt der Jugend die Jugend abhanden?

Nieberding: Ich fand nachvollziehbar, was sie gesagt hat. Sie würde wahrscheinlich lieber bei sich zu Hause oder in der Schule sitzen, als - von Journalisten belagert - durch die Welt zu reisen. Ein Stück weit kommt der Jugend schon die Jugend abhanden. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Jugend von heute viel ernsthafter ist als junge Generationen vor ihr. Ein Stück weit geht ihnen so wahrscheinlich ihre Unbeschwertheit verloren, andererseits führen sie einen sehr lohnenden Kampf für die eigene Zukunft. Sie gewinnen das Bewusstsein, dass sie von politischer Bedeutung sind.

Sie nennen in Ihrem Buch Kann-Themen wie 5G auf dem Land oder die Urheberrechtsreform der EU. Was sind Muss-Themen?

Nieberding: Ein Muss-Thema haben die Jugendlichen schon identifiziert: Das ist die Klimakrise. Ich finde aber, dass wir in Deutschland mit unserer Geschichte das Muss-Thema haben, uns gegen Rassismus und gegen jedwede Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Wir haben in Deutschland ein Problem mit Rechtsterrorismus. Als Walter Lübcke auf seiner Terrasse erschossen wurde, war der Aufschrei aus der Politik und der Gesellschaft nicht annähernd so groß, wie er hätte sein sollen. Ich hoffe, dass der Letzte versteht, wie dringend geboten der Kampf gegen Rechts ist. Nicht zu vergessen: die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Wie weit sehen Sie die Gesellschaft bezüglich Ihres Vorschlags, dass die Bundesregierung digital, deutschlandweit Fragebögen an alle unter 35-Jährigen versendet, um zu fragen: Was bewegt euch, was muss anders werden?

Nieberding: Ich schätze, dass es nie zu diesem Versand kommen wird. Was glauben Sie?

Ich fürchte das auch, finde die Idee aber einfach zu realisieren.

Niederding: Es gäbe so viele Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen. Tausende Jugendliche in Deutschland haben sich bereits politisiert, sie wollen mitreden, was verändern. Die Bundesregierung sollte diese jungen Menschen nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als Chance für die Demokratie.

Das Buch "Verwende Deine Jugend - Ein politischer Aufruf" ist im Tropen-Verlag erschienen und kostet 12 Euro. "Zu Gast auf dem Sofa" beginnt am Freitag, 11. Oktober, 19.30 Uhr, in der Rheinbacher Hochschul- und Kreisbibliothek, Von-Liebig-Straße 20. Karten kosten zehn, ermäßigt sechs Euro.

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