4500 Jahre altes Skelett: Funde um "Ötzi" von Rheinbach ausgewertet

4500 Jahre altes Skelett : Funde um "Ötzi" von Rheinbach ausgewertet

Forscher entlocken dem 4500 Jahre alten Skelett aus Rheinbach viele Geheimnisse. Der Mann wurde etwa 40 Jahre alt, war etwa 1,69 Meter groß und von kräftiger Statur. Archäologen entdeckten auch die Reste einer jungsteinzeitlichen Siedlung mir Langhäusern.

Es mögen augenscheinlich nur ein paar lehmverschmierte Knochen sein, die in gut einem Meter Tiefe im Erdreich schlummern. Doch die Überreste eines Menschen, der vor rund 4500 Jahren in der Region gelebt haben muss, erzählen ganze Lebensgeschichten. Der noch namenlose, archäologische Sensationsfund vom Rheinbacher Wolbersacker hatte bereits kurz nach der Veröffentlichung seiner Entdeckung im Januar die Fantasie der GA-Leser angeregt. Mehr als 250 Namensvorschläge zum „Ötzi von Rheinbach“ gingen in der Redaktion des General-Anzeigers ein. Als Favoriten entpuppten sich die Namensanregungen Rheini, Raetzi, Tommi oder Wolbi.

Dank einer aufwendigen Bergung des in Hockstellung bestatteten Jungsteinzeitmenschen haben die Forscher des LVR-Landesmuseums Bonn dem Fund so manches Lebensgeheimnis entlockt, wie Grabungsleiter Martin Heinen am Dienstagabend im Rheinbacher Ausschuss für Stadtentwicklung sagte. Die Sozialdemokraten hatten den Bericht im Hinblick auf die hohen Kosten der aufwendigen Untersuchungen, zu denen die Stadt im Vorfeld der Bebauung des künftigen Gewerbegebietes Wolbersacker an der A61 verpflichtet ist, beantragt. Hintergrund: Alleine im Etat des aktuellen Jahres sind 1,6 Millionen Euro für archäologische Arbeiten veranschlagt.

Gebrauchte häufig seinen Bogen

Der Ötzi von Rheinbach war von kräftiger Statur, männlich und verstarb mit etwa 40 Jahren, berichtet Heinen. Der seitlich liegend mit angewinkelten Beinen vorgefundene Verstorbene war etwa 1,69 Meter groß und gebrauchte häufig seinen Bogen, erklärte der promovierte Archäologe. Die Forscher entdeckten nämlich an den Knochen ein „verknöchertes Weichteiltrauma“, welches darauf schließen lässt, dass der Untersuchte ein Bogenschütze war.

„So ganz gesund war er nicht“, sagte Heinen weiter. Mehrere seiner Zähne waren mit Karies befallen, im Unterkiefer fehlen sogar zwei. Ab 2020 sollen die Knochen und die ferner gefundenen Grabbeigaben – ein gut erhaltenes Keramikgefäß und zwei Steinmesser – Teil der Dauerausstellung des LVR-Landesmuseums in Bonn werden, berichtet der Archäologe, der Geschäftsführer des Grabungsunternehmens Arthemus aus Frechen ist. Derzeit noch untersucht werde, ob sich mit Hilfe der Zähne die DNA des jungsteinzeitlichen Rheinbachers bestimmen lasse.

Die 8,1 Hektar große Untersuchungsfläche hat aber noch weitere Geheimnisse preisgegeben: So bestätigte sich die Annahme, dass auf dem Wolbersacker einst eine große Siedung zu finden war. „Wir haben die Grundrisse von 50 Häusern entdeckt. Das spricht für eine sehr große Siedlung für die damalige Zeit“, sagte Heinen, der die ältesten Siedlungsfunde auf die Zeit zwischen 5300 und 5000 vor Christi Geburt datiert.

3200 Befunde

Das größte Haus habe eine Länge von 36 Metern aufzuweisen und eine Ausdehnung von rund 200 Quadratmetern gehabt. Insgesamt 3200 Befunde haben die Archäologen dem Erdreich entlockt. Ein Glücksfall sei, dass der Tote im rheinischen Lössboden seine letzte Ruhe fand. „Normalerweise vergehen Knochen nach wenigen Jahrhunderten in den im Rheinland vorkommenden sauren Lehmböden“, erklärte der Altertumsforscher. „Nur der Tatsache, dass das Grab bis knapp an die Grenze des tiefer liegenden kalkhaltigen Lösses eingetieft war, haben wir die überraschend gute Überlieferung der Knochen überhaupt zu verdanken.“

Lorenz Euskirchen (FDP) schlug vor, dass Teile des Sensationsfundes auch in Rheinbach zu sehen sein sollen – etwa in Form einer Sonderausstellung im Römerkanal-Infozentrum, welches im Herbst dieses Jahres eröffnet wird. Da die Fundstücke nach ihrer Entdeckung und Bewertung in das Eigentum des Landes übergehen, wie Ursula Francke vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Ausschuss berichtete, sei es „immer möglich, sich Funde auszuleihen – für eine gewisse Zeit“. Außerdem bestehe die Möglichkeit, Repliken der Originalstücke zu erstellen, die dann womöglich dauerhaft genutzt werden könnten.

Doch nicht nur die Epoche der Jungsteinzeit ist im Erdreich des Wolbersackers abzulesen gewesen. Ebenso sind Relikte aus der Eisenzeit dokumentiert sowie Zeugnisse der mittelalterlichen Krönungsstraße (siehe Kasten), die im 9. Jahrhundert entstanden ist. Und: Die Forscher entdeckten außerdem sogenannte Streifenfundamente, die allerdings vom Ende des 19. Jahrhunderts stammen müssen. Allerdings: Über deren Zweck können die Fachleute bislang nur rätseln. „Wir haben keine Vorstellung, was das sein kann“, berichtete Martin Heinen.

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