"Rosa geht weg": Die Wirklichkeit wird zum Theater

"Rosa geht weg" : Die Wirklichkeit wird zum Theater

Gerade hat es sich das Publikum im Rheinbacher Coachhaus bei einem Wein bequem gemacht. Gleich beginnt die Aufführung von "Rosa geht weg" des Chansontheaters Silberzahn. Da keucht eine schwer bepackte junge Frau durch den Saal, versucht Koffer und Taschen auf die Bühne zu wuchten und stürzt zu Boden. Ein Zuschauer aus der ersten Reihe springt auf und hilft ihr. Die Wirklichkeit wird zum Theater.

Rosa Maier, eine von Simone Silberzahn verkörperte, gehetzte junge Frau ist auf dem Weg in den Urlaub. Eigentlich sucht sie sich aber selbst. Dazu muss sie weggehen. "Ich kann nicht mehr nach Hause, ich will nicht mehr nach Hause", sagt sie. Denn dort glotzt sie nur Mutters Vitrine an. Und: "Zu Hause ist der Tod." In diesem Chanson von Georg Kreisler ist es überall schöner als daheim, etwa in Hawai, Kentucky, Paris und Nagasaki. Begleitet wird Simone Silberzahn am Klavier von Julia Cramer, die zugleich in der Collage aus Texten und Musik eine Art Ratgeberin oder das Alter Ego der Rosa darstellt.

Rosa wirkt unsicher und orientierungslos. Sie schwankt zwischen Melancholie und Euphorie, zwischen Selbstzweifel und Hoffnung. Ein Loch im Schuh wird schon zum großen Problem für sie. Sie bandagiert es schließlich mit Klopapier. Immer wieder fragt sie sich, ob sie auch schön genug ist für den erträumten Mann, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Da hilft vielleicht der Satz: "Woran man glaubt, ist, was man bekommt."

Sie meidet Enttäuschung, indem sie ihre Ansprüche kontrolliert. Auf einer Grundsatzliste steht ganz oben: "Erwartungen sind verboten." Doch Träume lassen sich nicht aufhalten. Das wirkt stellenweise quälend. Silberzahn und Cramer verpacken es aber in eine unterhaltsame Mischung aus Kabarett und Drama. Sie bauen Texte von Goethe (Mignon), Hans-Jürgen Heise (Der zu spät erfüllte Wunsch) und Michael Lentz (Ende gut) organisch ein. So wird klar, dass sie keineswegs nur Selbstbespiegelung betreiben. Einige im Publikum erkennen sich selbst wieder, wie Applaus und Lacher zeigen.

Auch in der Musikauswahl von Johannes Brahms (O wüsst' ich doch den Weg) bis Gerhard Winkler (Capri Fischer) mischt sich Tiefsinn und Unterhaltung. Rosa findet am Ende ihren Weg, indem sie die Welt von einem Berggipfel aus anschaut. Alles wirkt nun klein und geordnet. Ihr endlich erkanntes Ziel ist ein Zuhause, das durch ein paar gemütliche blaue Filzpantoffeln repräsentiert wird. Hinaus finden die beiden Künstlerinnen am Ende ganz mühelos - und die begeisterten Zuhörer klatschen.