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"Tandem-Teaching" in Rheinbach: Der Uni-Alltag beginnt um 4.30 Uhr

"Tandem-Teaching" in Rheinbach : Der Uni-Alltag beginnt um 4.30 Uhr

Palmen säumen den Weg zu den Hörsälen, vom Atlantik her weht ab und an eine angenehme Brise über den Campus in Strandnähe. Was wie Ferien in mediterraner Atmosphäre klingt, erscheint in einem anderen Licht, wenn es darum geht, wann an der Universität von Cape Coast (UCC) im westafrikanischen Ghana die akademische Arbeit beginnt.

"Um 6 Uhr legen wir los, um 4.30 Uhr erwacht bei uns das Leben", berichtet Daniel Agyapong (40) und lacht, als wäre es das Normalste der Welt, so etwas wie der ghanaische Weg zum Glück, wenn Studenten zu dieser Stunde ihr Tagwerk aufnehmen. Der frühe Beginn in Afrika hat auch Auswirkungen auf Studierende der Rheinbacher Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: Wenn sie mit ihren ghanaischen Kommilitonen fürs internationale Projekt "Tandem-Teaching" kommunizieren, müssen sie genauso früh munter sein.

Als Tandem forschen Hochschulnovizen beider Länder derzeit gemeinsam, obwohl sie rund 7000 Kilometer voneinander entfernt leben. Cape Coast mit seinen rund 143.000 Einwohnern und Rheinbach zeichnet eine Gemeinsamkeit aus: Sie sind beide Bildungszentren. Die Kommunikation funktioniert via Skype, einer Bildkonferenz im Internet, über das Netzwerk Facebook und über eine projekteigene Onlineplattform, auf der die je 16 Studenten beider Länder ihre Forschungsergebnisse eintragen. Dort diskutieren und vergleichen sie ihre Erkenntnisse zum Unternehmertum in beiden Ländern. Zuvor starten sie dazu Umfragen bei örtlichen Firmen.

Mit Tandemantrieb, also doppeltem Elan, ist die Idee vom "Tandem-Teaching" entstanden. Daniel Agyapong, Dozent für Wirtschaftsenglisch, ist ghanaischer Teil des Duos - Regina Brautlacht, Fachleiterin für Wirtschaftsenglisch der Rheinbacher Hochschule, koordiniert das seit eineinhalb Jahren laufende Projekt auf deutscher Seite. Kein Wunder, dass es an Brautlachts Esstisch hoch hergeht, wenn das Dozentenehepaar Daniel und Gloria Agyapong zu Gast ist und es um Unternehmergeist im internationalen Vergleich geht. "Wir fangen morgens so früh an, weil es von 11 bis 13 Uhr sehr heiß in Cape Coast ist - trotz Ventilation", erklärt Daniel Agyapong.

Zur Philosophie von "Tandem-Teaching" gehört, dass es nicht nur den Austausch wissenschaftlicher Neuigkeiten beinhaltet, sondern auch den von Alltagswissen. So erklommen die Gäste nicht nur die Godesburg und ließen sich von der Rheinromantik fesseln, sie halfen auch beim Wocheneinkauf und bei der Gartenarbeit. "Bei uns fahren Fahrräder überall herum, hier gibt es eigene Straßen für Fahrräder", berichtet Gloria Agyapong (34). Mit Ampelmännchen hätten sie sich erst vertraut machen müssen. Einen Unterschied haben die Westafrikaner während ihres zweiwöchigen (Daniel) und vierwöchigen (Gloria) Aufenthalts zum Dozieren und Vorträge halten aber ausgemacht: "Hier funktioniert alles, dort funktioniert alles nicht so", meint Gloria Agyapong.

Ins Schwärmen geraten die Englischlehrer, wenn es um den Campus in Cape Coast geht. Fast 80.000 Menschen studieren an der UCC. Mit Polizeistation, Müllabfuhr, Kindergärten und Sicherheitsdienst bildet die Uni eine Stadt in der Stadt. Trotz der Größe sei die UCC überschaubar. Beide leben dort und schätzen die kurzen Wege. "In zehn bis 15 Minuten ist man überall", sagt die Ghanaerin.

"So weit so gut", antwortet sie auf die Frage, wie sie das Wetter derzeit im Rheinland erlebt. "Sie kamen dick eingepackt am Flughafen an", weiß Brautlacht. Auf eine Bildkonferenz via Skype verzichten die Agyapongs während der Rheinlandvisite nicht. Forschungsgebiet: Wie geht es den vier und fünf Jahre alten Kindern, die bei der Oma in Ghana geblieben sind? Wenn sie dem Nachwuchs vom Ampelmännchen erzählen, ist die Stimmung daheim bestens, und die Kinder lernen etwas über den deutschen Alltag.