Spitzen gegen das städtische Leben: 50 Jahre Rheinbacher Landsturm

Spitzen gegen das städtische Leben : 50 Jahre Rheinbacher Landsturm

Sie ziehen durch den Kakao, was an Personen Angriffsflächen bietet: Seit 50 Jahren begeistert der Rheinbacher Landsturm mit jecker, bissiger und klamaukiger Unterhaltung.

Aufgeschrieben ist es schon mal. Genau wie die Landsturm-Kollegen sie bei jeder Gelegenheit mit „Schriev et op!“ auffordern, haben Heiko Hecking und Fred Paral Erinnerungen, Anekdoten, Bilder, lustige und liebevolle Geschichten rund um die selbst ernannten Söhne Rheinbachs festgehalten. „Schriev et op!“ ist der Titel des Buches zu einem besonderen Jubiläum geworden: 50 Jahre Landsturm. Wann, wie, wo und in welcher Auflagenhöhe das Werk erscheinen soll, ist zwar noch nicht klar. Und ein bisschen was fehlt noch, wie ein Interview mit dem Landstürmer der ersten Generation, Hermann Hausmann. Aber eins ist sicher: „Opjeschrevve öss et un et kütt eruss.“

Seit 50 Jahren sind die Landstürmer ihre eigenen Ideengeber, Drehbuchautoren, Regisseure, Kulissenbauer, Schauspieler, Musiker, Tänzer, Sänger, Kabarettisten und Akrobaten. Von Beginn an nach dem ehernen Grundsatz: alles hausgemacht. Im Hintergrund stets unterstützt von einer ganzen Riege Helfern, agieren auf der Bühne immer nur „Zwölf Söhne Rheinbachs“. Und begeistern mit ihrem handgemachten Programm bei ihren drei mehrstündigen Sitzungen jedes Jahr gut 1500 Zuschauer. Sie spießen auf, prangern an und ziehen durch den Kakao, was an Personen Angriffsflächen bietet, und thematisieren humorvoll Ereignisse und Themen aus Politik, Verwaltung, Gesellschaft und Gewerbe auf allen Ebenen.

Erste öffentliche Sitzung 1974

Hervorgegangen ist der Landsturm aus einer kleinen Gruppe Karnevalisten, die sich im Rahmen der damals noch üblichen internen Karnevalssitzung der Rheinbacher Stadtverwaltung seit 1969 als „freche und teilweise recht unbotmäßige Kommentatoren des städtischen Lebens profiliert“ hatten, indem sie mit „großem Erfolg kommunale Größen sowie jene, die es sein möchten, unter die Lupe oder auf die Schippe nahmen“, wie Alt-Landstürmer Josef Muhr schrieb.

1974 luden die Landstürmer zu ihrer ersten öffentlichen Sitzung in die Stadthalle. „Da konnten die Rheinbacher hören, was der Landsturm ihrem Rat, ihrer Verwaltung, den Politikern und so manchem Bürger zu sagen hatte“, heißt es in der Ausgabe von „Kultur und Gewerbe“ vom März 1975. Sie veröffentlichte Namen und Fotos der „elf gestandenen Männer, frei und unbescholten“: Fritz Berg, Ferdinand Grohs, Hermann-Josef Hausmann, Franz Hendricks, Klaus Isopp, Peter Lenartowski, Peter Linn, Franz Mostert, Bernd Schmitz, Willi Schneider und Paul Wüst. In den folgenden Jahren brachten diese und nächste Generationen von Landstürmern manch legendäre Sitzung auf die Bühne der Stadthalle, wie die „Bure Huhzitt“ 1979 mit eigenem „Jesangsböjelche“, im Jahr darauf „100 Jahre Amtsgericht“ im Stil der damaligen Fernsehreihe „Königlich Bayerisches Amtsgericht“, über „Schatzinsel Rheinbach – Pistolen, Pleiten und Piraten“ im Jahr 2008 bis „Rheembach Royal – von Ritter Spocht bis Lady Gaga“ 2018.

Wird auch gemunkelt, dass diejenigen Protagonisten der Stadt, um die sich Sketche, Lieder oder Reden drehen, dies als eine Art „Ritterschlag“ empfinden, sind die Persiflagen der Landstürmer auch schon mal übers Ziel hinausgeschossen, sodass die Mannen, ausgerüstet mit Entschuldigungs-Blumensträußen ihre Gänge nach Canossa zu den Betroffenen machten. Wie Fred Paral, als sich „bestimmte Frauen“ von seinem Lied über „Pferde mit dicken Hintern“ angesprochen und beleidigt fühlten. „Es kam aber überhaupt kein Wort darin von bestimmten Frauen vor“, versichert Paral.

Jubiläumsheft zum 50.

50 Jahre Landsturm sind 50 Jahre mit Herzblut gemachte Sitzungen und Erinnerungen an die Menschen, die sie erdacht und auf die Bühne gebracht haben. Unzählige Ordner mit Materialien und Bildern haben die Generationen von Landstürmern gesammelt. Weil die Auswahl aus der riesigen Materialfülle schwierig war, ist das Jubiläumsheft auch keine reine Chronologie der fünf Jahrzehnte, sondern eine Sammlung von „Geschichten querbeet“. Von „Landsturm, mal grob umschrieben“ über „Rituale der Söhne Rheinbachs“ und „Die Söhne Rheinbachs – früher und heute“ bis „Landstürmer Nummer 13 – Das Publikum“. Die Landstürmer sind selbstbewusst genug, all dies auch als Teil des kollektiven Gedächtnisses ihrer Stadt zu erkennen.

Nicht ohne Grund haben sie einen Brief des damaligen Rheinbacher Stadtdirektors vom 8. Januar 1979 an den damaligen Landsturm mit aufgenommen, den sie bis heute als Auftrag begreifen: „Vielen hielt der Landsturm seinen Spiegel vors Gesicht, auch sich selbst. Er fasste heiße Eisen an. (…) Sicher ist, dass er sich auch künftig an den örtlichen Ereignissen in Rheinbach orientiert. Möge ihm die Schärfe seines Spottes erhalten bleiben. Möge ein eigenständiger und unverwechselbarer Karneval des Landsturms den Rheinbachern noch viele Jahre Freude bringen. Mögen die Landsturmmänner ihren 'Spaß an der Freud' nicht verlieren.“ Für ihr Jubiläum 2019 haben sie das Motto schon gefunden: „Zoröck un in Zukunft.“

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