"Musik, Motoren, Petticoats": 10.000 bestaunen Oldtimer bei den Rheinbach Classics

"Musik, Motoren, Petticoats" : 10.000 bestaunen Oldtimer bei den Rheinbach Classics

Großes Finale bei den Rheinbach Classics: Rund 10.000 Menschen sahen sich am Sonntag den Oldtimer-Korso durch die Innenstadt an. Zahlreiche Highlights gab es auch am Freitag und Samstag.

Bei den Rheinbach Classics dreht sich drei Tage lang alles um „Musik, Motoren, Petticoats“. Etwa 10.000 Menschen sahen sich am Sonntag den Oldtimer-Korso durch die Innenstadt an. Wie ist es wohl, die Rundfahrt nicht vom Straßenrand aus zu betrachten, sondern in einem der 313 historischen Autos zu erleben?

Um das herauszufinden, treffe ich mich vor dem Start am Gründer- und Technologiezentrum mit Karl Brenig vom Organisationsteam der Classics. Er bringt mich zu einem Mann, der genau so aussieht, wie man sich einen texanischen Ölbaron vorstellt: Hemd, Lederband, Cowboyhut, unter der Sonnenbrille ein breites Grinsen. Otto Schoen heißt er, kommt aus Heimerzheim und hat neben seiner Familie gleich fünf Ford Thunderbirds dabei – alle in der seltenen Cabrioausführung. In dem dunkelroten Modell von 1965 darf ich im großen Corso mitfahren. Der Beifahrersitz ist noch frei.

Die Zeit bis zum Start verbringe ich wie alle anderen auch: mit Fachgesprächen über alte Autos. Zwischen den diversen Ford Capri treffe ich auf Michael Wichmann, der mit sanfter Hand einen makellosen Kotflügel poliert. „Der ist noch im Originalzustand“, erzählt er. Das bedeutet: originaler Lack in Hochlandgrün und alles, was 1980 zur L-Ausstattung gehörte. Was nicht viel ist, denn laut Wichmann war dies die billigste Variante des Capri. Dafür hängt am Armaturenbrett ein altes Katzenfoto, der Glücksbringer der Vorbesitzerin, von der der Berliner den Wagen vor acht Jahren aus erster Hand kaufte. Mit 30 Jahren und gerade einmal 33.000 Kilometern auf der Uhr.

Die hat der Triumph TR 3A von Achim Heinze schon lange hinter sich. Das offene Auto ist Baujahr 1959, ein sogenannter Steckscheibenroadster, bei dem die Seitenscheiben nicht gekurbelt, sondern eben eingesteckt werden, wenn man geschlossen fahren will. Eng sieht es aus im Fahrerbereich, aber Heinze versichert, der Wagen sei bequem. „Größer als 1,80 Meter darf man allerdings nicht sein.“ Wer mehr Platz sucht, findet den in einem der VW Bulli T. Eines der typischen „Hippiefahrzeuge“ von 1960 gehört Stefan Sturm, und zwar schon seit 29 Jahren. Da erstand er den Wagen für 1600 DM in einem so schlechten Zustand, dass die Nachbarn den Schrotthaufen anzünden wollten. Jetzt aber ist der Bus blitzeblank.

Viel Geschichte auf dem ersten Platz des Corsos

Der Wagen von Michael Kügelgen zog die Blicke auf sich. Es ist ein schwarzer American LaFrance, 1919 ausgeliefert an das Chicago Fire Department als Nutzfahrzeug. Der Maschinenbauer aus der Grafschaft kaufte das Auto 2008 mit 4081 Meilen auf dem Tacho und steckte rund zehn Jahre Arbeit hinein. „Er hat die Ausmaße eines Lkw und fährt sich wie einer“, sagt der Besitzer stolz über das 115 PS starke Gefährt mit 15 Litern Hubraum. So viel Geschichte gebührt natürlich der erste Platz im Corso.

Schoens Thunderbirds reihen sich etwas weiter hinten ein. Um kurz nach elf geht es los. Besser als erwartet, denn das türkise Modell der Schoens musste unbedingt vor den Classics Zicken zeigen. Es gab Probleme mit der Zündung, aber heute startet er anstandslos. Monika Schoen fährt das große Auto souverän, immerhin hat sie damit schon fünfmal an der Rallye „2000 Kilometer durch Deutschland“ teilgenommen.

Ich finde es erst einmal ungewohnt, keinen Gurt über der Schulter zu haben. 1965 gab es nur Beckengurte, dafür aber eine Leuchtanzeige, die daran erinnerte, diese auch zu nutzen. Überhaupt fällt mir auf, wie viele Knöpfe das Cockpit hat. Schoen grinst. „Der hatte schon damals alles drin“, erzählt der 77-Jährige. Und das alles elektrisch. Darunter eine Klimaanlage, eine Blinkanzeige, und eine Musikanlage, nach der wir im Corso glatt gefragt werden. „Ist da das Original-Röhrenradio drin?“, will ein Zuschauer wissen. Ist es. Elvis Presley bittet allerdings aus einem modernen Modell: „Don´t Be Cruel“. Dieses Radio kann man wegklappen, um die Original-Optik zu erhalten. Solange es am Wegrand keine Musik gibt, dreht Schoen auf. Amerikanische Klassiker für das 60er-Gefühl.

"Der geilste Thunderbird seiner Zeit"

Wir rollen langsam durch die ersten Gruppen der Besucher, die uns zuwinken. Ich winke zurück. Auch der Fahrer hat die meiste Zeit nur eine Hand am Steuer. Beim Thunderbird ist das kein Problem. „Der fährt sich leichter als ein moderner“, beweist Schoen, indem er mit nur einem Finger um eine Kurve lenkt. Wenn vor uns eine kleine Lücke entstanden ist, tippt er kurz aufs Gas. Dann drücken mich die 345 PS in die weichen hellen Ledersitze. Das erste Mal kommt überraschend, die nächsten Minisprints sind Spaß. Wie das Winken. Oder der Applaus, wenn die Hupe erklingt.

Am Rheinbacher Schützenhaus kennt Schoen ein paar Anwohner, die uns Getränke anreichen. Andere grüßen uns Cowboys mit einem echten „Howdy“. Gesprächsfetzen zeigen: Die Zuschauer kennen sich aus, nennen diverse Besonderheiten des „T-Birds“. Und am Wilhelmsplatz wird unser Auto vorgestellt als „der geilste Thunderbird seiner Zeit“. Dazu gibt es Johnny Cash schön laut zum Mitsingen. Eine solche Oldtimertour ist etwas ganz anderes als schnödes Autofahren. Schoen fasst das Gesamtpaket aus Technik, kleiner Zeitreise und Bewunderung so zusammen: „Mit diesem Auto fährt man gerne durch die Stadt und hofft, dass alle Ampeln rot sind.“

Die Highlights vom Samstag

In der ganzen Stadt bot sich am Samstag wieder der reizvolle Mix aus Petticoats, Fahrzeugen und Open-Air Konzerten. Ob mit Elvis-Locke und Koteletten, in Buntfaltenhose mit Hosenträger oder in einem farbenfrohen Petticoat mit Erdbeer- oder Kirschdesign - der Vielfalt der stilechten Bekleidung, die von zahlreichen Besuchern zur Schau getragen wurde, schien keine Grenzen gesetzt zu sein.

Während der Altstadtplatz fest in der Hand von historischen Zweirädern wie Zündapp-Mofas und Fahrrädern der Firma Bismark aus den 30iger und 40iger Jahren war, wirkte das Meer von motorisierten Liebhaberstücken auf dem Prümer Wall schier endlos. „Die Oldtimer, die hier stehen oder auch die 120 Fahrzeuge, die bei der Überlandfahrt dabei waren, sind noch nicht einmal alle“, erläuterte Bürgermeister Stefan Raetz in seiner Funktion als Vorstandsmitglied von Rheinbach Classics. „Über 700 sind in der Stadt unterwegs.“

Als ältestes Modell hatte sich ein Citroen B2 Cabriolet von 1922 für die Rallye über Bad Neuenahr zur Nürburg auf den Weg gemacht. Die weiteste Anfahrt ins Rheinland hatten nicht etwa die ausländischen Teilnehmer aus Belgien, Luxemburg und den Niederlanden, sondern ein 280 SE Mercedes Cabriolet aus dem Jahr 1968, der die Strecke aus Nienhagen in Niedersachsen zurückgelegt hat.

Durch die vielen Verkaufsstände glichen die Straßen im Bereich der Altstadt einem einzigen Markt, auf dem Accessoires, Kleidung und alles rund um die „Golden Fifties“ zu erwerben waren. Auch musikalisch ließ das Festival bisher keine Wünsche offen und so wurden die beiden Bühnen auf dem Himmeroder Wall und dem Lindenplatz immer wieder von neuen Gruppen gestürmt, um dort zu rocken, was Swing und Boogie-Woogie hergeben.

Bonnie Tyler rockt zum Start der Rheinbach Classics

Hochkarätig waren die Rheinbach Classics am Freitag gestartet: Mit Verve und Esprit brannte die 67-jährige Bonnie Tyler auf der Bühne auf dem Himmeroder Wall ein Feuerwerk aus Hits ab.

Getragen wurde die Solokünstlerin dabei von ihrer virtuos aufspielenden Band,die den rund 2500 Zuhörern unter freiem Himmel alles bot, weswegen sie an den Himmeroder Wall gekommen waren – nämlich Hits wie „Lost In France“, „It's A Heartache“, „Total Eclipse Of The Heart“ oder „Holding Out For A Hero“. Anschließend gehörte den acht Musikern von Bosstime die Bühne. Rheinbach Classics (1)

Die gefragteste Tributband des Oeuvres von „Boss“ Bruce Springsteen spielte bis nach Mitternacht die Hits des amerikanischen Rockpoeten aus New Jersey. Rheinbach Classics (2)