Interview mit Dieter Gawlitta vom Weissen Ring: "Wichtig ist, dass jemand zuhört"

Interview mit Dieter Gawlitta vom Weissen Ring : "Wichtig ist, dass jemand zuhört"

Dieter Gawlitta aus Meckenheim-Altendorf ist neuer Vorsitzender des Landesverbands NRW-Rheinland des Weissen Rings. Über sein Ehrenamt bei dem Opferschutzverein sprach mit ihm GA-Mitarbeiterin Anita Borhau-Karsten.

Herr Gawlitta, Sie sind neuer Vorsitzender des Landesverbands NRW-Rheinland des Weissen Rings. Der Verein ist mit insgesamt rund 50 000 Mitgliedern und 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern in 18 Landesverbänden mit 420 Außenstellen Deutschlands größte Opferschutzorganisation. Wem helfen Sie?

Dieter Gawlitta: Wir helfen Opfern von Straftaten, zum Beispiel nach Einbruch oder Diebstahl, häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten, unabhängig davon, ob sie bei uns Mitglied sind.

Und wie?

Gawlitta: Wir leisten immaterielle und materielle Hilfe, möglichst schnell und unbürokratisch, bei Bedarf helfen wir auch mit bis zu 250 Euro Soforthilfe aus. Unsere Opferbetreuer haben auch Lotsenfunktion und können zum Beispiel den Kontakt zu Frauenhäusern herstellen oder über Beratungsschecks eine Erstbehandlung bei posttraumatischen Problemen oder eine juristische Erstberatung initiieren. Am wichtigsten ist es jedoch, dass jemand kommt, zuhört und sich kümmert.

Wie kommt es zum Kontakt mit den Betroffenen?

Gawlitta: Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen. Die Fälle werden meistens über die Polizei an den Weissen Ring gegeben.

Wie lange begleiten Sie Opfer?

Gawlitta: Manchmal genügt ein Besuch. Manchmal kann die Begleitung aber auch einige Jahre dauern, zum Beispiel nach Sexualdelikten. Zwischen Opfer und Opferbetreuer baut sich oft ein Vertrauensverhältnis auf, so dass auch später das Opfer bei seiner Zeugenaussage vor Gericht begleitet wird.

Wie lange engagieren Sie persönlich sich schon für den Weissen Ring?

Gawlitta: Ich wurde mit dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2013 aktives Vereinsmitglied, habe die entsprechenden Seminare absolviert, hospitiert und dann als Opferbetreuer in der Außenstelle Bonn gearbeitet. Ab März 2013 war ich stellvertretender Landesverbandsvorsitzender. Im September wurde ich dann zum Vorsitzenden gewählt.

Wie kamen Sie zu diesem besonderen Ehrenamt? Sind Sie selbst oder jemand aus ihrem näheren Umfeld schon mal Opfer einer Straftat geworden?

Gawlitta: Gott sei Dank nein. Mein Vorgänger als Vorsitzender des Landesverbands, Jörg Beck, gehörte eine Zeit lang dem Verteidigungsministerium an, in dem ich Referatsleiter war. Für ihn stand fest, dass er sich nach der Berufstätigkeit für den Weissen Ring engagieren wollte. Das hat mich bewogen, mir diese Organisation näher anzuschauen und es ihm schließlich gleichzutun. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach einem langen Gespräch mit einem Opfer, wobei man nicht auf die Uhr geschaut hat, gesagt bekommt: "Danke, dass Sie da waren, das hat mir sehr geholfen."

Durch Ihr Engagement erfahren Sie viel über Leid, das Menschen zugefügt wurde. Was macht Sie besonders betroffen?

Gawlitta: Ich hatte zwar keine Fälle aus dem Bereich der Schwerstkriminalität zu betreuen wie Mord oder ähnliches. Aber natürlich berühren mich Sexualdelikte, insbesondere, wenn Kinder betroffen sind, ganz besonders. Das darf man nicht mit sich herumschleppen. Unser Verein bietet daher auch Supervision für die Mitarbeiter.

Sie kümmern sich um die Opfer, was empfinden Sie für Täter?

Gawlitta: Wir stellen uns ganz klar auf die Seite der Opfer. Doch wir sind keine Anti-Täter-Organisation. Auch jede Straftat, die nicht begangen wird, ist Opferschutz. Daher betreiben wir gemäß eines der Satzungsziele des Weissen Rings auch Prävention. Zum Beispiel gibt es ein Projekt der Bonner Außenstelle in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach, das im Rahmen eines Anti-Gewalt-Trainings die Täter mit der Opfersicht konfrontiert.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn sich jemand für ein Engagement beim Weissen Ring interessiert?

Gawlitta: Jeder kann Mitglied werden. Die Beiträge sind relativ niedrig. Eine Einzelmitgliedschaft kostet ab 2,50 Euro pro Monat. Wer als Mitarbeiter in der Opferbetreuung tätig sein möchte, wird in einem Grund- und einem Aufbauseminar geschult und begleitet zunächst andere Opferbetreuer bei ihren Einsätzen. Auch in der Prävention, zum Beispiel bei Aktionen mit der Polizei wie bei der Kampagne "Riegel vor", in der Öffentlichkeitsarbeit, im Fundraising können wir Unterstützung gut gebrauchen.

Weitere Informationen erhält man über die Internetseitewww.weisser-ring.de.

Zur Person

Dieter Gawlitta (63) wurde in der Nähe von Hamburg geboren, ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und lebt seit etwa 30 Jahren in Meckenheim-Altendorf. Der Jurist war Referatsleiter im Bundesministerium der Verteidigung als Rechtsberater des Inspekteurs des Heeres. Er trat 2013 in den Vorruhestand. Seitdem ist er Mitarbeiter des Weissen Rings.