Gastbeitrag: Meckenheimer Pfarrerin Ingeborg Dahl zu Karfreitag

Gastbeitrag : Meckenheimer Pfarrerin Ingeborg Dahl zu Karfreitag

Unter dem Titel "Ein Riss im Herzen" hat die Meckenheimer Pfarrerein Ingeborg Dahl ihre Gedanken zum Karfreitag aufgeschrieben. Vom Tod, vom Leben und von zerissenen Vorhängen.

Da riss der Vorhang des Tempels von oben bis unten entzwei. Eine Lücke – entstanden durch den Tod. Ein Riss geht von oben bis unten und quer durch das Herz. Ganz gleich, wie oft ich schon versucht habe, memento mori, im Wissen um den Tod zu leben: Der Riss ist nicht zu vermeiden. Wenn der Tod plötzlich ins Leben tritt, spüre ich den Riss körperlich.

Am liebsten ziehe ich die Vorhänge zu. Allein sein und warten, ob dieser Riss sich aushalten lässt. Geschlossene Vorhänge machen manches leichter. Im Schatten dahinter kann ich mich verbergen, Schutz finden – vielleicht sogar vor Zweifeln. Aber am Grab muss ich mich den Fragen stellen. Ist das auszuhalten? Reicht eine Seele, reicht ein Leben aus, das zu verkraften? Es waren viele da bei der Verurteilung Jesu, viele darunter voller Glauben und voller Zweifel.

Manch einer von ihnen mag gedacht haben, dass Glaube und Zweifel kaum voneinander zu unterscheiden sind, im Denken, im Herz. Kaiphas hatte die Kreuzigung durchgesetzt. Er hetzte das Volk auf, um so den Tod Jesu am Kreuz zu fordern. Ihm genügte die Steinigung nicht, er wollte den schändlichsten Tod, um damit allen zu zeigen, dieser Mann aus Nazareth kann nicht der ersehnte Retter sein. Bedarf es mehr Worte, um zu sagen, wie groß die Enttäuschung war? Wie bohrend der Zweifel? Wie schmerzhaft die Fragen?

Der Vorhang im Tempel verschloss das ganze Jahr über den Zugang zum Allerheiligsten. Der Hohepriester, und nur er allein, durfte diesen Ort einmal im Jahr betreten, am Versöhnungstag. Als Jesus starb, zerriss der Vorhang und gab jedem den Blick frei. Keine Vorhänge sollen mehr zugezogen sein. Kein suchender Blick soll mehr begrenzt werden. Im Tod Jesu, so schändlich wie er war, begegnen sich Glaube und Zweifel und ringen um die Oberhand. Der freie Blick auf das Allerheiligste lässt sie Freunde werden, sich versöhnen.

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