Heimerzheimer rettet Eichhörnchen: Ein Hotel für Sherlock und Watson

Heimerzheimer rettet Eichhörnchen : Ein Hotel für Sherlock und Watson

Verwaiste Baby-Eichhörnchen sind auf die Hilfe von Menschen angewiesen, um überleben zu können. Doch ist die Aufzucht komplizert. Der Heimerzheimer Paul Greve weiß, wie's geht und bringt Eichhörnchen über den Winter.

Paul Greve hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und als Zahnmediziner gearbeitet. Jetzt restauriert der 58-jährige Heimerzheimer Neil-Young-Fan alte Autos und Motorräder. Und er bringt junge Eichhörnchen, die es alleine nicht schaffen würden, über den Winter. Zurzeit sind es vier Tiere, die in seinen Käfigen leben: die drei Monate alten Weibchen Luise und Luna sowie die erst vier Wochen alten Jungs Sherlock und Watson. Für die Namensgebung war Tochter Maike (10) zuständig.

Sherlock und Watson wirken etwas verloren, wenn Greve sie in seinen kräftigen Händen hält. Nur die kleinen Köpfe und die buschigen Schwänze ragen heraus. Gerne nutzen die beiden Nager ihren Ernährer als Kletterbaum, nehmen auf seiner Schulter Platz, hüpfen auf den Kopf eines Besuchers oder verkrümeln sich zum Schlafen auf Brusthöhe in Greves Latzhose.

Der Großvater und der Vater von Greve waren Tierärzte. So hat der 58-Jährige mehr als ein solides Basiswissen darüber, wie man Tiere versorgt. Seit Ostern dieses Jahres betreibt er sein Eichhörnchen-Hotel. Damals fand sein Sohn Kilian (13) im Heimerzheimer Burgpark einen Kobel mit vier nur wenige Tage alten Eichhörnchen. Ein Sturm hatte das Nest von einem Baum gefegt. Nun lag es auf dem nasskalten, matschigen Waldboden. Die jungen Nager, deren Augen noch geschlossen waren, drohten zu erfrieren. Kilian rief seinen Vater an, der ihm riet, Hunde und Katzen von den kleinen Eichhörnchen fernzuhalten.

Die Greves nahmen die Tierchen mit und setzten sie zu Hause in einen Popcorneimer, den sie mit weichen Lappen ausgelegt hatten. Dann kam der Föhn zum Einsatz. Und tatsächlich: Im warmen Luftstrom kamen die fast erfrorenen Winzlinge langsam zu sich. Vom Eichhörnchen-Notruf in Bonn bekam Familie Greve wertvolle Tipps zur Ernährung der Gäste.

In der ersten Nacht bekamen sie mit einer Pipette ein Gemisch aus Fencheltee, Honig und Dosenmilch. Später wurde die Dosenmilch durch Katzenaufzugsmilch ersetzt. Alle drei Stunden, auch nachts, wurden die Eichhörnchen gefüttert. Und nach zehn Tagen hatten sie ihr Gewicht von anfangs 40 Gramm nahezu verdoppelt. Für Shermann, Chuck, Lizzy und Woozle häkelte Andrea Greve einen Kobel, in dem sie sich richtig wohlfühlten. Ein Nachbar baute einen zwei Meter hohen Käfig, der – mit Ästen versehen – reichlich Platz zum Klettern bietet.

Als nach einigen Wochen die Zähnchen hervorkamen, wurde der Speiseplan geändert: Gurken, Äpfel, Sonnenblumenkerne, Nüsse, Möhren. Doch kurz darauf, im Juli, musste Abschied genommen werden. Denn Wildtiere dürfen nur aus der Natur entnommen werden, wenn sie verletzt sind oder gepflegt werden müssen. Und so setzte die Familie die vier Eichhörnchen in einem Waldstück bei Metternich aus.

Dort gibt es keine Marder, die neben Katzen zu den Feinden der Eichhörnchen gehören. Dafür finden die Tiere dort jede Menge Bucheckern, Nüsse, Hagebutten und Pilze. „Und wenn wir sie besuchen, erkennen sie uns wieder“, berichtet Greve.

Er erläutert weiter, warum Eichhörnchen so wichtig für die Natur sind. Sie sorgen nämlich dafür, dass die Laubwälder nachwachsen. Denn von den Hunderten von Bucheckern und Nüssen, die sie täglich verbuddeln, finden sie nur die wenigsten wieder. So können sich aus dieser Saat neue Bäume entwickeln. 60 Prozent aller Baumsetzlinge wachsen nur wegen der „Vergesslichkeit“ der Eichhörnchen. Weil viele Feldraine durch die intensive Landwirtschaft verschwunden sind, werden die Eichhörnchen an die Waldränder und in die Gärten verdrängt. Außerdem, so Greve weiter, leiden die Tiere unter dem Einsatz von Glyphosat und Herbiziden, der zu genetischen Veränderungen an Fell und Extremitäten führen kann.

Wenn die jetzigen Hausgäste nach dem Winter ihre Abschlussprüfung im Nüsseknacken absolviert haben, werden auch sie ausgewildert. „Das wird dann wieder nicht ohne Heulen abgehen“, vermutet Greve.

Wer verletzte Eichhörnchen findet, kann sich beim Eichhörnchen-Notruf unter 07 00/20 02 00 12 melden.

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