Heiner Geißler zu Gast in Meckenheim: Die Pflicht der Kirchen zur Einigkeit

Heiner Geißler zu Gast in Meckenheim : Die Pflicht der Kirchen zur Einigkeit

Heiner Geißler spricht in der Aula der Theodor-Heuss-Realschule in Meckenheim über sein Buch „Was müsste Luther heute sagen?“ Er kritisiert den Zölibat in der katholischen Kirche als "gigantische Heuchelei".

Die Aula der Theodor-Heuss-Realschule war nahezu voll besetzt, es herrschte eine konzentrierte Stille während des Vortrags von Heiner Geißler, der auf Einladung des Bürgervereins Meckenheim zu seinem Buch „Was müsste Luther heute sagen?“ sprach. Der 86-Jährige war viele Jahre Generalsekretär der CDU, Bundes- und Landesminister sowie Schlichter von Stuttgart 21. Er begann den Abend mit persönlichen Erinnerungen: „Ich habe mich schon früh in meiner Jugend mit Luther beschäftigt.“

Die großen Ferien verbrachte er bei den Großeltern in Oberndorf am Neckar. Und bekam mit, wie seine Großmutter Ablässe kaufte: Für 20 Reichsmark, so stand es auf dem Papier, das sie bekam, bekäme sie 500 Tage Ablass. Und damit blieben ihr 500 Tage Fegefeuer erspart, erklärte sie ihrem Enkel, den sie gleichzeitig instruierte, das nicht dem Großvater zu erzählen.

Die „Sündenangst“ und die Angst vor den Sündenstrafen hätte auch Martin Luther geprägt, so Geißler. Als Professor in Wittenberg hätte Luther eine eigene Theologie entwickelt und postuliert, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes das ewige Leben erwerbe und dabei keine Vermittler brauche.

Eine Konsequenz seiner Theologie war es, Frauen den Zugang zu kirchlichen Ämtern zu ermöglichen. Wie seinen Tischreden zu entnehmen ist, hätte Luther das allerdings widerwillig getan. Doch für die heutige Zeit sei dieser Schritt richtungsweisend gewesen. „Die evangelische Kirche ist der katholischen in diesem Punkt 500 Jahre voraus“, sagte der Katholik und ehemalige Jesuit Geißler.

Auch die Zölibatsvorschrift für katholische Priester kritisierte der ehemalige Minister in klaren Worten. Sie sei nicht im Evangelium begründet, sondern in das Kirchenrecht aufgenommen worden, um das Erbe der Priester in der Kirche zu halten und nicht an dessen Familie zu verlieren. Der Umgang der katholischen Kirche mit Beziehungen von eigentlich zölibatären Priestern sei „eine gigantische Heuchelei“.

„Nächstenliebe ist Pflicht“, stellte Geißler klar, und das hieße, immer dem zu helfen, der in Not sei: „Heute wäre nichts wichtiger, als diese Botschaft deutlich zu machen.“ Und daraus ergebe sich auch die Pflicht der Kirchen, einig zu sein. „Die Kirchen haben nicht genug Power, nicht genug Stoßkraft, weil sie gespalten sind“, so der Sozialpolitiker. Natürlich ginge das nicht von heute auf morgen, aber: „Gemeinsam Abendmahl feiern, dass müsste nächstes Jahr geschehen. Das müsste und würde Luther heute sagen.“

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