Gespräch mit Heiner Geißler: „Die Einheit der beiden Kirchen ist überfällig“

Gespräch mit Heiner Geißler : „Die Einheit der beiden Kirchen ist überfällig“

Der langjährige CDU-Generalsekretär, Landes- und Bundesminister sowie Schlichter von Stuttgart 21, Heiner Geißler, im Gespräch über die Chance des Reformationsjubiläums und seine Lesung in Meckenheim am Freitag, 18. November.

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Sie entlarven in Ihrem Buch eine weitreichende Übersetzungsauslegung des Wortes „Metanoeite“. Hieronymus übersetzte es mit „Tuet Buße“, Luther übernahm das in seiner Luther-Bibel. Sie favorisieren eher die Übersetzung „Umdenken“. Haben also seit über 500 Jahren Generationen von Gläubigen deswegen eher den steinigen Weg des Bußgebets gehen müssen, anstatt zum Umdenken angeregt zu werden?

Heiner Geißler: Es ist die Folge einer theologisch beabsichtigten Falschübersetzung von Hieronymus. „Ihr sollt umdenken, anders denken“ ist die richtige Übersetzung: meta heißt „um“, „nach“ und noein heißt „denken“. Diese Falschübersetzung hat das Eigentliche am christlichen Glauben völlig verdunkelt: Nämlich das, was Evangelium (griechisch eu angelion) heißt: gute Nachricht, gute (frohe) Botschaft. Luther hat leider die falsche Übersetzung übernommen.

Vor dem Reformationsjubiläum 2017 wird die Wiedervereinigung beider Kirchen – zumindest an der Basis – emsig diskutiert. Wie weit sind beide Kirchen mit diesem Schritt?

Geißler: Die Einheit der beiden Kirchen ist überfällig. Luther müsste heute beiden Kirchen sagen: Die Gründe, die damals zur Trennung geführt haben, gibt es theologisch gesehen kaum mehr. Die katholische Kirche hat im Zweiten Vatikanischen Konzil wesentliche Dinge geändert. Die Gemeinsamkeiten sind etwa das Nicänische Glaubensbekenntnis, die eine Taufe, das Primat der Schrift, der Laienkelch und die Übereinstimmung in Caritas und Diakonie. Das sind jetzt schon Bestandteile der Einheit. Aber die Kirchen müssten mit einem Munde sprechen, wenn sie ihrer globalen Verantwortung gerecht werden wollen. Das hat bislang, mit Ausnahme des Papstes Franziskus nicht stattgefunden. Die Welt wird beherrscht von nicht-christlichen Werten, im Wesentlichen von einer kapitalistischen Ökonomie, die auch Schuld ist an der ganzen Flüchtlingsbewegung. Die Kirchen müssten gegen die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft massiven Widerstand leisten, so wie Luther damals gegen die Kurie.

Wie sind mögliche „Einheitsverhandlungen“ vorstellbar? Es könnte Arbeitsgruppen zu strittigen Fragen wie „Gibt es einen Teufel?“, „Ist die Pille erlaubt“ oder „Sollen Priester, Bischöfe und der Papst vom Kirchenvolk gewählt werden?“ geben.

Geißler: Nicht jeder Glaubensinhalt ist gleich wichtig. Schon Johannes XXIII. hat gesagt: Im Notwendigen Einheit, im Zweifel die Freiheit und in allem die Liebe. Und das ist auch Inhalt der evangelischen Theologie. Man muss nicht einer Meinung sein, in der Frage, ob Jesus eine Frau hatte oder ob die 'Pille danach' erlaubt ist. Das muss nicht von Rom bis Wladiwostok einheitlich beantwortet werden.

Welche Fragen müssten denn angegangen werden?

Geißler: Es gibt offene Fragen, die auch Luther nicht gelöst hat: Das ist die ganze Frage der Rechtfertigung. Wer muss sich rechtfertigen für die verpfuschte Welt: die Menschen vor Gott – oder Gott vor den Menschen. Auch die gemeinsame Erklärung der beiden Kirchen hilft nicht weiter. Oder die theologische Horrorvorstellung von der Erbsünde ist nicht aufgearbeitet. Die Reformation ist eine große Herausforderung für die katholische Kirche, vor allem was das Frauenpriestertum betrifft. Auch der Zölibat ist von Luther abgeschafft worden. Die katholische Kirche hinkt der evangelischen in der Frauenfrage 500 Jahre hinterher. Aber Sie haben nach weiteren Schritten gefragt. Wenn das Reformationsjubiläum nicht ohne weitere Schritte zu Ende geht, dann hat das Jubiläum seinen Sinn verfehlt. Es müsste endlich ein konkretes Konzept für einen Fahrplan der Einheit erarbeitet werden. Nötig ist die gegenseitige Anerkennung kirchlicher Ämter. Möglich wäre schon heute eine föderale Struktur zwischen beiden Kirchen – ein Kirchenrat, ähnlich dem Bundesrat. All das sind erste Schritte. Die Einheit kann nicht in einem Jahr vollendet werden.

Ich habe den Eindruck, dass Gläubige in Sachen Ökumene schon sehr viel weiter sind als die Kirchen selbst. Warum sträuben sich die Kirchen etwa, einen gemeinsamen Gottesdienst mit Abendmahlgemeinschaft zuzulassen?

Geißler: Es ist weniger die evangelische Kirche, es ist die katholische. Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit der Irrlehre aufgeräumt, die Benedikt XVI. noch Jahre später dennoch verkündet hat, dass die evangelische Kirche keine richtige Kirche sei. Das zweite Vaticanum sagt, dass alle Christen eine Taufe haben. Und wenn alle dieselbe Taufe haben, müssen auch gemeinsame Gottesdienste möglich sein – und zwar mit einer Abendmahlgemeinschaft. In solchen Fragen muss mehr Verantwortung nach unten delegiert werden – auf die Bischöfe beispielsweise.

Kann ein Papst an der Spitze einer wiedervereinten christlichen Kirche stehen oder ist eine Doppelspitze denkbar?

Geißler: Man sollte nicht gerade mit dem schwierigsten Problem anfangen. Dieses Dogma der Unfehlbarkeit wird inzwischen unter Theologen diskutiert und infrage gestellt. Wichtig wäre, dass man sich in wichtigen Fragen, vor allem wie eine humane Welt aussehen soll, auf ein Konzept einigt. So wie es vor etwa 60 Jahren mit der Sozialen Marktwirtschaft der Fall war.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass Sie drei Ordensgelübde – Armut, Keuschheit und Gehorsam – abgelegt haben, aber zwei davon nicht halten konnten, wobei es nicht um Armut ging. Wäre der Fall des Zölibats nicht als Aufbruch für die katholische Kirche zu verstehen?

Geißler: Die Ordensgelübde sind eine freiwillige Sache, das Zölibat ist eine kirchenrechtliche Vorschrift, die alle beachten müssen, die Pfarrer werden wollen. Das Zölibat ist erst 1000 Jahre alt und aus wirtschaftlichen Gründen eingeführt worden. Er ist ein Menschenwerk, es ist Kirchenrecht und hat keine Begründung im Evangelium. Es ist eine zutiefst inhumane und theologisch nicht begründbare Zwangsmaßnahme.

Sie berichten, dass Sie mit evangelischen CDU-Kollegen wie Richard von Weizsäcker oder Wolfgang Schäuble anders über soziale Themen debattiert haben als mit katholischen. Warum?

Geißler: Es war schon gemeinsame Politik, aber die Akzente sind deutlich geworden. In der evangelischen Kirche gibt es Lutheraner, Reformierte, Unierte. Die Reformierten richten sich eher nach Calvin, der wiederum das Gegenteil gewollt hat, was Luther wollte. Für Calvin war die eigene Leistung, der wirtschaftliche Erfolg, Ausweis der göttlichen Gnade. Viele Reformierte haben darum in der Gesundheitspolitik eher für Eigenverantwortung und Selbstbeteiligung plädiert, während andere sagten, dass die Solidarität im Vordergrund stehen muss. Das hat aber zu keinen politisch wirksamen Differenzen geführt.

Neben Luther haben Sie sich bereits in einem Ihrer Bücher in Jesus versetzt, was er heute sagen würde. Wen würden Sie auf diese Weise noch gerne zu Wort kommen lassen?

Geißler: Niemand (lacht). Ich frage ja, was müsste Luther heute sagen, aber was würde Jesus heute sagen. Dieses kann man aus dem Evangelium heraus beantworten.

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