Gespräch am Wochenende: „Das kann auf Dauer nicht gutgehen“

Gespräch am Wochenende : „Das kann auf Dauer nicht gutgehen“

Buchautor Joachim Weber aus Meckenheim macht sich Gedanken über nachhaltiges Leben in seinem gerade erschienenen Werk "Wie wollen wir leben?".

Ruheständler schinden sich heutzutage gerne auf dem Jakobsweg. Was motivierte Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?
Joachim Weber: Ich wollte ja nun nicht „mal weg sein“, sondern weiterhin am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen, zumal ich immer ein politischer Mensch war und mich die Frage beschäftigt hat, wie wir „die Welt verbessern können“. Ich kam auf das Thema, weil ich während einer Honorarprofessur in Schwerin das Gebiet Wirtschaftsrecht und Nachhaltigkeit zu bearbeiten hatte. Da ist mir die Bedeutung der Thematik für unsere Zukunft noch klarer geworden.

In ihrem Buch taucht häufig der Begriff „andere Lebensart“ auf? Was verstehen Sie darunter?
Weber: Jeder wird sich irgendwann – bewusst oder unbewusst – die Frage stellen, was er mit seinem Leben anfangen möchte. Natürlich will jeder ein glückliches Leben mit Erfolg und in Wohlstand führen. Aber was heißt das konkret? Und es stellt sich die Frage: Wie komme ich dahin? Die Antwort ist eine Frage der Moral, von Wertvorstellungen, des Bewusstseins. Daraus entwickelt sich eine bestimmte Lebensart. Die Lebensart auch unserer Gesellschaft ist geprägt durch Eigennutz, also den Vorrang des eigenen Vorteils, ausgerichtet auf größtmögliche Maximierung von materiellem Wohlstand durch ständiges materielles Wachstum, ohne Rücksicht auf die Ressourcen unserer Erde, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Entwicklungsländer und zukünftige Generationen. Damit fährt sich die Menschheit selbst gegen die Wand. Wollen wir das verhindern, müssen wir unseren Lebensstil ändern.

Können Sie Beispiele nennen?
Weber: So wie wir leben, brauchten wir eigentlich anderthalb Erden – wir haben aber nur eine. Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich – national wie weltweit – wird immer größer. Und den jungen und künftigen Generationen werden immer größere Hypotheken aufgebürdet.

Sie fordern einen Gesellschaftsvertrag der Nachhaltigkeit. Was soll drinstehen?
Weber: Hinter dem Prinzip der Nachhaltigkeit steht eine andere moralische Einstellung als die bisher vorherrschende. Grundsätzlich führt sie zu einer Lebensweise, in der das Gemeinwohl und das Wohl des Anderen mindestens eine genauso große Rolle spielt wie das Eigeninteresse. Ziel ist die gerechte Verteilung von Lebenschancen – national wie weltweit, für die jetzige und für zukünftige Generationen – sowie eine stabile wirtschaftliche Entwicklung, die die Würde des Menschen und die Grenzen der Umweltressourcen anerkennt. Wachstum ist kein Selbstzweck mehr. Mehrung des materiellen Wohlstandes auf Kosten anderer verschwindet. Immaterieller Wohlstand gewinnt an Bedeutung.

Sie kommen in Ihrem Buch auf die Ökonomisierung des Lebens zu sprechen. Werden wir uns an Pferdefleisch- und Abgas-Skandale gewöhnen müssen?
Weber: Wir haben uns ja schon daran gewöhnt. Wer die größtmögliche Gewinnmaximierung anstrebt, wird im Zweifel auch nicht vor Betrug zurückschrecken. Das wird durch die ökonomische Globalisierung verstärkt, da damit die Intransparenz steigt.

Was können wir tun, um beim Kaufen nicht den Durchblick zu verlieren?
Weber: Das ist im Augenblick schwer. Wichtig ist, dass man transparenter macht, wie die Wertschöpfungskette der Produkte – etwa bei Lebensmitteln, Schreibwaren oder Autos – entstanden ist. Deshalb plädiere ich für die Einführung eines individuellen Emissionsbilanzsystems: So wie auf den Artikeln etwa draufsteht, wie viele Kalorien er hat, könnte man auch angeben, wie viel Methan oder CO2 verbraucht worden sind.

Es wird oft gesagt, dass Nachhaltigkeit nur was für die ist, die es sich leisten können. Bioessen ist teurer als gewöhnliches. Stimmt das?
Weber: Zunächst einmal ja. Die Millionen Menschen in Deutschland, die an oder unter der Armutsgrenze liegen, werden sich das „gute Essen“ nur leisten können, wenn die Politik für sie die existenzielle Not abgeschafft hat. Im Übrigen ist billiges Essen häufig nur deshalb so billig, weil bestimmte Kosten nicht eingerechnet werden oder schlechte Ware produziert wird. Billig führt aber oft zum Mehrverzehr. Das gilt vor allem für den Fleischkonsum. Ohne den Fleischkonsum zu reduzieren, schaffen wir die Klimawende nicht. Methan, das bei der Fleischproduktion freigesetzt wird, ist ein schlimmerer Klimakiller als CO2.

In Ihrem Buch ist zu lesen: „Wenn wir zu hoffen aufzuhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“ Ein Zitat von Ernst Bloch. Woraus können wir Hoffnung schöpfen?
Weber: Man kann Fortschritte erkennen im Hinblick auf die Stärkung des nachhaltigen Bewusstseins. Die Einsicht wächst, dass wir etwas ändern müssen, das jeder etwas im Alltag mit kleinen Dingen ändern kann. Nicht zuletzt deshalb, weil die negativen Folgen unseres bisherigen Lebensstils intensiver werden. Stichworte: Klimawandel und „Flüchtlingskrise“. Notwendig ist, dass die Politik ernsthaft eine nachhaltige Entwicklung umsetzt. Ein Beispiel ist der Vertrag des Pariser Klimagipfels. Es wäre eine Katastrophe, wenn er nicht zustande gekommen wäre, aber wenn man ihn abklopft, bestehen erhebliche Zweifel, ob die Ziele erreicht werden. Es kommt also darauf an, unsere Politiker zu zwingen, den Vertrag mit Leben zu füllen. Dazu sollten wir zumindest alle wählen gehen und eine nachhaltige Politik einfordern. Ich bin der Überzeugung, dass der Mensch nicht so dumm ist, dass er sich den Lebensast absägt, auf dem er sitzt.

„Wie wollen wir leben?“ ist bei BWV erschienen und kostet 16,90 Euro.

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