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Kirche und Corona: Heilige Messe vor leeren Bänken

Kirche und Corona : Heilige Messe vor leeren Bänken

Wegen des Coronavirus übertragen Kirchengemeinden im Linksrheinischen Videos von Gottesdiensten im Internet.

Alles scheint wie immer: Sie betreten die Kirche, knien kurz vor dem Kreuz und beginnen dann mit der Messe. Doch die Bänke, vor denen die Pfarrer Jörg Stockem und Norbert Windhäuser in der katholischen Kirche Sankt Servatius in Bornheim stehen, sind komplett leer. Der Grund ist das Coronavirus, das sich in diesen Tagen immer weiter ausbreitet. Größere Ansammlungen von Menschen müssen vermieden werden.

Um die räumliche Distanz zu den Gläubigen zu überwindern, werden die Gottesdienste gefilmt und live auf der Internetplattform Facebook übertragen. Und zwar in der Gruppe „Seelsorgebereich BARUV – Bornheim An Rhein und Vorgebirge“. Die Messen gibt es auf Facebook nun montags und mittwochs um 10 Uhr, dienstags, donnerstags, freitags und samstags um 18 Uhr sowie sonntags um 10.30 Uhr zu sehen.

Organisiert hat dies für die Bornheimer Katholiken Arianne Packbier, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats. 163 Menschen hätten sich das erste Video angeschaut, das zu Beginn der Woche entstand. „Ich dachte, das wird uns fehlen“, sagt sie mit Blick auf die Absage aller öffentlichen Gottesdienste. So sei die Idee zur Videoübertragung entstanden. Als Journalistin und Social-Media-Managerin verfüge sie über das Wissen für die technische Umsetzung. Bald soll es auch möglich sein, sich die Gottesdienste auf der Internetseite www.baruv.de anzuschauen.

Ohne einen einzigen anwesenden Gläubigen einen Gottesdienst zu feiern, ist auch für Bernhard Dobelke, leitender Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Sankt Martin in Rheinbach, Neuland. „In 20 Jahren Priestersein habe ich das noch nicht erlebt“, sagt er. Aber: In Zeiten der Krise betet er ab sofort täglich ab 18.30 Uhr für seine 12 600 Seelen der Pfarrei in der verschlossenen Pfarrkirche und feiert eine Heilige Messe – ohne Zuhörer, Messdiener oder Küster.

„Ich bin noch nicht abschließend sicher, ob ich laut oder leise sprechen soll – beides hört sich in der leeren Kirche merkwürdig an“, sagt Dobelke. Bis einschließlich Karfreitag hat das Erzbistum alle öffentlichen Gottesdienste und Andachten abgesagt. „Wie es an Ostern weitergeht, kann heute noch niemand seriös sagen“, äußert sich der 51-Jährige. Auch alle Kommunionsfeiern fallen aus. „Ich bin mir sicher, dass wir die rasch, umso festlicher nachholen werden, wenn wir wieder dürfen.“

Die Kirchen und Kapellen möchte der leitende Pfarrer aber noch offen halten – wenn die bekannten Regeln für Abstand und Hygiene eingehalten werden. „Wir halten unsere Kirchen soweit das möglich ist bis auf Weiteres tagsüber offen für das persönliche Gebet“, sagt Dobelke. „Wenn sich alle an der Regeln halten, hoffe ich, dass das möglich bleibt.“ Die Texte und Gebete, die er während seiner täglichen Eucharistiefeier betet oder verliest, passten besonders gut in die Zeit. „Wir befinden uns ja gerade in der österlichen Bußzeit. Da bekommen die Worte in Zeiten der Corona-Krise einen ganz anderen Klang“, findet der Theologe. „Darin geht es um die Hoffnung, dass es wieder anders sein wird und die Bitte, dass es eine Erlösung geben wird.“

Kreisdechant Hans-Josef Lahr, Chef des Kreisdekanats Rhein-Sieg, berichtet: „Das ist eine große Herausforderung für uns – unser Glaube lebt von der Gemeinschaft, von der Nähe. Menschen, die tief im Glauben sind, berichten mir, welch schmerzlichen Einschnitt es bedeutet, keine Messen besuchen zu können. Ich sehe täglich viele, die zum alleinigen Beten in die Kirche gehen.“ Als eine „wunderbare Initiative“ betrachtet Lahr das Glockengeläut aller Kirchen am Abend. „Menschen werden im Gebet verbunden.“ Besonders wichtig für Einsame, Kranke und Verängstigte.

In der nächsten Woche werde er einen Aufruf starten, dass ihm Gebetsanliegen mitgeteilt werden können. Und: „Ich habe meinen Blick darauf, dass Menschen in Kontakt bleiben.“ Die Fantasie der Pfarrer, die Messen halten und ins Internet stellen, berühre ihn positiv, ebenso aber auch die älteren Gläubigen, die zum Beispiel über Domradio Beiträge verfolgen. „Wir müssen schauen, dass wir als Christen unsere Botschaft nicht aus den Augen verlieren, dass wir in dieser Zeit nicht auf uns schauen, sondern auch den anderen schützen.“

Ingo Siewert, Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bornheim-Hersel, berichtet davon, dass der Evangelische Kirchenkreis Bonn nun beginne, Gottesdienste auf seinem Kanal auf der Internetplattform Youtube zu übertragen. Gesendet wird am Samstagabend zunächst aus der Friedenskirche in Kessenich. Danach soll immer aus einem anderen Gotteshaus des Kirchenkreises gesendet werden.

Außerdem sei man gerade dabei über soziale Medien insbesondere den Kontakt zu den jungen Gemeindemitgliedern zu halten, sagt Siewert. Trauungen gebe es zurzeit keine, die nächste Taufe sollte eigentlich im Mai stattfinden. „Da ist es jetzt noch zu früh, um abzusagen“, sagt er. Zur Not sei auch eine Taufe zu Hause möglich. Bestattungen könnten momentan nur am Grab mit maximal zehn Menschen stattfinden.

Was den Kontakt zwischen Kirche und Gläubigen angeht, verweist der Superintendent des Bonner Kirchenkreises, Dietmar Pistorius, darauf, dass in den Gotteshäusern nun jeden Abend ein anderes Musikstück auf der Orgel gespielt wird. Eine Aufnahme davon wird samt Gebetstext im Internet auf www.bonn-evangelisch.de zur Verfügung gestellt. Als hörbares Zeichen der Gemeinschaft und Verbundenheit aller Menschen, so ist auf der Internetseite zu lesen, läuten auch an diesem Sonntag im ganzen Kirchenkreis Bonn die Glocken der Kirchen und rufen zu Gebet und Andacht.

Mathias Mölleken, Pistorius’ Pendant vom Evangelischen Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel und Pfarrer in Meckenheim, berichtet, dass die dortigen Gemeinden in eigener Verantwortung kurze Videoclips auf ihre Internetseiten stellen. In der vergangenen Woche sei in Bad Godesberg aber auch schon ein ganzer Gottesdienst aufgezeichnet worden. In Euskirchen gebe es dafür zumindest die Technische Ausrüstung. Die Passionsvespern würden nun als musikalischer Podcast aufgezeichnet. Gedanken mache man sich noch über ein Angebot für alle, die im Umgang mit dem Internet nicht so geübt sind. Ausgerechnet also ältere Menschen, die einen großen Teil der Gläubigen ausmachen und für die vom Coronavirus die größte Gefahr ausgeht, sind besonders betroffen.