Unfreiwilliger Entzug: Das bedeutet der Engpass für Apotheken in der Region

Unfreiwilliger Entzug : Das bedeutet der Engpass für Apotheken in der Region

Derzeit beklagen auch Apotheken aus der Region Lieferengpässe. Das hat mehrere Gründe. Die Patienten sind zumindest erbost.

Vor mehr als 30 Jahren hatte Stefan Karst (Name geändert) aus Bonn einen schweren Motorradunfall. Dabei wurde sein linker Arm so stark verletzt, dass er seitdem nicht mehr zu gebrauchen ist. Amputieren konnten die Ärzte ihn aber bis heute nicht, weil ein Nervenstrang noch intakt ist. Und so lebt Karst mit einem verkümmerten Arm und täglichen Schmerzen, die er seit Jahren mit Morphium behandelt. Doch vor ein paar Wochen konnte seine Stammapotheke in Tannenbusch das Morphium nicht mehr liefern. Auch bei anderen Apotheken wurde seine Familie nicht mehr fündig. Karst kam mit Entzugserscheinungen ins Krankenhaus.

"Er hätte sowieso in die Klinik gehen sollen, aber erst viel später", sagt sein Schwiegervater Thomas Schneider (Name geändert). Der Mann aus Witterschlick erzählt die Geschichte stellvertretend für seinen Schwiegersohn dem General-Anzeiger. In der Klinik habe Karst als Ersatz Morphiumpflaster bekommen. Diese hätten sich in ihrer Anwendung aber als wenig geeignet für seinen Schwiegersohn herausgestellt.

"Lieferengpässe bei Medikamenten sind kein regionales Problem. Wir laufen einer Vielzahl an Wirkstoffen hinterher", weiß Markus Reiz, Inhaber der Donatus-Apotheke in Bornheim, zu berichten. "Wenn nur einzelne Anbieter Engpässe haben und wir den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung und Stärke bei einem anderen kriegen, können wir Medikamente gegeneinander austauschen", sagt er. Schwieriger sei es, wenn ein ganzer Wirkstoff nicht mehr zu bekommen sei. Dann müsse der Apotheker Rücksprache mit dem Arzt halten und eine neue Therapiemöglichkeit finden.

Patient lehnt alternative Behandlung ab

Wie Thomas Schneider berichtet, sei ihm das passiert: Seine Gicht therapierte er jahrelang mit dem Mittel Colchicum-Dispert. Bei seinem letzten Gichtanfall habe ihn die Apotheke zunächst vertröstet und musste dann kapitulieren: "Colchicum gibt's nicht mehr", habe das Ergebnis der Recherchen der Apotheke Schneider zufolge gelautet. In Rücksprache mit dem Arzt sollte Schneider stattdessen Cortison und Schmerzmittel einnehmen - er weigerte sich jedoch, Cortison zu benutzen.

"Bei Colchicum-Dispert gibt es nur noch einen Hersteller", weiß Reiz. Morphium sei im Moment bei vielen Herstellern nicht erhältlich, sagt der Apotheker im Hinblick auf Karsts Fall. "Das ist nicht so leicht auszutauschen, weil es unter das Betäubungsmittelgesetz fällt." Aber selbst bei Standardwirkstoffen wie dem Schmerzmittel Ibuprofen oder dem Blutdrucksenker Valsartan gebe es Engpässe. "Das ist, als würde man an der Tankstelle sagen, es gibt kein Super mehr", kritisiert Reiz.

Wie viel genau fehlt, weiß die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Nach deren Angaben hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Rabattarzneimittel von 4,7 Millionen im Jahr 2017 auf 9,3 Millionen Packungen im Jahr 2018 verdoppelt. Bei einer Gesamtzahl von 450 Millionen entspricht das: rund jedes 50. Rabattarzneimittel hat Lieferengpässe. Wenn ein Medikament nicht in der Apotheke vorrätig ist, prüften die Mitarbeiter zunächst alle möglichen Stellen, die das Medikament noch vorrätig haben könnten, erklärt Reiz. Sogar im Ausland. "Meine Mitarbeiter sagen, sie müssten mittlerweile bei jedem dritten Kassenrezept recherchieren. Den Apotheken macht das im Moment extrem viel Arbeit", führt er aus. "Das sind Zustände, die man sich vor einigen Jahren nicht hätte ausmalen können."

Der Apothekerverband Nordrhein, zu denen Apotheken in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis gehören, sieht mehrere Gründe für die Engpässe: die Konzentration auf einige wenige Produktionsstätten in Asien, die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Medikamentenherstellern und eine stetig wachsende Nachfrage im Ausland.

"Deutschland ist nicht mehr die Apotheke der Welt, viele Wirkstoffe und Arzneimittel werden mittlerweile in Indien, China und Israel produziert", berichtet der Verband nach GA-Anfrage. Denn dort sei die Produktion günstiger. "Steht die Produktion zeitweilig still oder wird eine Charge aus Qualitätsgründen nicht freigegeben, können auch große Hersteller in Europa ihre Fertigarzneimittel nicht liefern", erklärt die ABDA.

Apotheker Markus Reiz kann zurzeit die verordneten Medikamente von etwa 40 Rezepten (in Hüllen) nicht besorgen. Foto: MATTHIAS KEHREIN

In Deutschland verhandeln die Krankenkassen seit dem Jahr 2007 Preisnachlässe mit Arzneimittelherstellern, sogenannte Rabattverträge. Ein Hersteller bietet einer Krankenkasse ein Medikament zu seinen Lasten günstiger an, wird im Gegenzug aber zum exklusiven Lieferanten der Krankenkasse. Nach Angaben der ABDA haben die rund 100 deutschen Krankenkassen mehr als 27.000 solcher Rabattverträge abgeschlossen. Aber: "Manche Krankenkassen geben im Rahmen ihrer Rabattverträge oft nur zwei Herstellern den Zuschlag. Bekommt einer davon Produktionsprobleme, kommt es zu Engpässen", erläutert der Apothekerverband Nordrhein.

Dass Hersteller auf einen Teil ihrer Einnahmen verzichteten, führe im internationalen Vergleich dazu, dass Deutschland nicht unbedingt als erstes bedient werde, führt Apotheker Reiz aus. "Wir haben uns diese Situation mit der Zeit selbst geschaffen", kritisiert er. In ihren Forderungen sind sich Reiz, der Apothekerverband Nordrhein und die ABDA einig: Hersteller sollten Lieferengpässe schneller bekanntmachen, Krankenkassen sollten Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen und die Politik müsse aktiv werden, damit die Produktion wieder in Europa stattfinden kann und Qualitätsstandards eingehalten werden.

Bundesinstitut: Höhere Zahlen durch neues Meldeverfahren

Für die Überwachung von Lieferengpässen bei Medikamenten ist in Deutschland das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zuständig. Erst, wenn auch alternative Medikamente nicht zur Verfügung stehen, spricht das BfArM von einem Versorgungsengpass.Anfang Oktober lagen dem BfArM 250 Meldungen über Lieferengpässe von insgesamt etwa 103.000 zugelassenen Arzneimitteln vor, wie ein Pressesprecher auf Anfrage mitteilte.

Die gestiegenen Meldezahlen erklärt das Institut mit einem verbesserten Meldeverhalten. "Die Kriterien zur Meldung von Lieferengpässen sind 2017 umfassend angepasst worden", so der Sprecher. Insofern seien die Zahlen nicht mehr vergleichbar. Nicht näher benannte "Sondereffekte" könnten außerdem zu Steigerungen führen, "aus denen jedoch keine belastbaren statistischen Aussagen abgeleitet werden können".

"Tatsächliche Versorgungsengpässe entstehen in Relation zum gesamten Meldeaufkommen relativ selten", versichert das BfArM. Das habe zuletzt die Wirkstoffe Cytarabin und Oxytocin betroffen. Zu Stefan Karsts Fall nahm das Institut keine Stellung.

Mehr von GA BONN