„Hier kann man sein, wie man ist“: So lief das Herbstferiencamp der Jugendakademie in Walberberg

„Hier kann man sein, wie man ist“ : So lief das Herbstferiencamp der Jugendakademie in Walberberg

20 Jugendliche aus zehn Nationen haben sich beim achttägige Herbstferiencamp "Deutschland, das wollen wir dir sagen!" an der Jugendakademie in Walberberg getroffen und über Themen wie Demokratie, Diversität, Diskriminierung und Toleranz gesprochen.

"Wir hatten mit einem schwierigen Seminar gerechnet", sagt Sozialarbeiterin Nicola Fischer, die zusammen mit dem Kulturpädagogen Philipp Süß das achttägige Herbstferiencamp "Deutschland, das wollen wir dir sagen!" an der Jugendakademie in Walberberg betreut. Stattdessen harmonieren die 20 Jugendlichen im Alter von vierzehn bis 22 Jahren aufs Beste miteinander. Viele der jungen Leute haben eine Flucht- oder Zuwanderungsgeschichte. Manche von ihnen sind bereits seit vielen Jahren in Deutschland und auch schon des öfteren Gast in der Jugendakademie gewesen.

"Erstes Mal, zweites Mal, wir kommen immer wieder, und singen unsere Lieder", ist der laut und fröhlich gesungene Refrain, der schon weit vor dem Betreten des als "Europahaus" bezeichneten blauen Holzhauses auf dem Gelände der Akademie zu hören ist. "Ja, wir sind alle füreinander da; Jugendakademie will stay forever - wir alle sind Geschwister", haben sie gereimt und es klingt glaubhaft. "Es könnte schwer sein, dass jemand mit der Presse sprechen möchte", warnt Süß. Die Jugendlichen hätten gerade erst die Erfahrung gemacht, dass Journalisten immer nur von den Gräueln der Flucht und von dem Kampf ums Überleben hören wollten.

Viele der aus zehn Nationen stammenden Jugendlichen haben traumatische Fluchterfahrungen hinter sich, "aber es ist bisher nicht zum Thema gemacht worden", sagt Süß, dessen Anliegen es ist, der Gruppe Denkanstöße zu den Themen Demokratie und demokratischem Handeln zu geben. "Wir möchten vermitteln, dass jede Person und jede Meinung in diesem Land wichtig ist", sagt er. Die Initiative von Greta Thunberg, die mit Fridays for Future eine weltweite Bewegung ausgelöst hat, dient dabei für viele als ein mutmachendes Beispiel.

Die Pädagogen eröffnen den Teilnehmern am Herbstcamp die Möglichkeit, über ihre eigene Lebensgeschichte mit Familie, Schule, Beruf und Sozialraum an das Leben in der deutschen Gesellschaft anzuknüpfen. Der "erweiterte Demokratiebegriff", in dem Demokratie als Lebensform verstanden wird, bildet dazu die Grundlage. Etwas, das beispielsweise Isak (20) aus Eritrea sichtlich glücklich macht. Er hat als Vierzehnjähriger sein Land verlassen, weil er nicht Soldat werden wollte. "Ich wollte nicht töten", sagt er. Seine Mutter unterstützte ihn, während sein Vater den Kriegsdienst als Pflicht angesehen habe. Vier Jahre lang habe er versucht, im Sudan, in Äthiopien und der Türkei zu leben, um nach einer Verbesserung der politischen Lage nach Eritrea zurückzukehren.

Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Als Bootsflüchtling wurde er in "letzter Minute", wie er sagt, mit weiteren 1200 Menschen von einem sinkenden Schiff aus dem Mittelmeer geborgen. Dass in Deutschland nicht als erstes nach seiner Religion gefragt wurde, bevor er geduldet wurde oder arbeiten konnte, macht ihn dankbar. "Hier kann man sein, wie man ist", sagt er. Er weiß es zu schätzen, dass er in Duisdorf das Berufskolleg besuchen kann und damit seinem Ziel, Elektriker zu werden, ein Stück näher kommt. Die Fragen "Wie zufrieden bist du mit der Gesellschaft in der du lebst?" oder "Was willst du Deutschland sagen?", mit der sich die Gruppe beim Herbstcamp beschäftigt, hat er damit bereits beantwortet.

Auf Plakaten haben die Teilnehmer ihre Botschaften aufgeschrieben, mit denen sie sich am Ende des Herbstcamps in der Kölner Fußgängerzone zeigen. "Sie wollen sich vor allem bedanken", sagt Süß. Doch sind auch einige Appelle zu lesen: "Deutschland! Wir wollen dir sagen, dass du mit dem Waffenverkauf in Kriegsgebieten aufhören sollst!", heißt es da.

Auch wenn nicht alle so gut Deutsch sprechen wie Isak, scheinen sie angekommen zu sein. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Demokratie, Diversität, Diskriminierung und Toleranz sorgen auch die umfangreichen Freizeitmöglichkeiten wie der Hochseilgarten, Spiele und verschiedene Exkursionen für den Raum von Gemeinsamkeit.

So endet auch ihr selbst geschriebenes Lied mit einem fröhlich und lautstark gesungenen "Wenn du dich alleine fühlst, dann hast du uns!"

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