Evangelische Kirche im Vorgebirge: Pfarrer aus Hemmerich geht in Ruhestand

Evangelische Kirche im Vorgebirge : Pfarrer aus Hemmerich geht in Ruhestand

Pfarrer Gerhard Brose geht nach 35 Jahren in der Hemmericher Markuskirche in den Ruhestand. Er will jetzt seine Freiheit genießen und freut sich auf das, was vor ihm liegt.

Man spürt eine gewisse Erleichterung. Es ist, als ob ein schweres Gewicht von ihm abfällt. Pfarrer Gerhard Brose hat seinen Ruhestand vor Augen. An diesem Sonntag ist der Abschiedsgottesdienst, dann hat er Urlaub. Offiziell geht er zum 1. Dezember in Rente. „Wenn man hier Pfarrer ist, dann schließt man morgens früh die Kirche auf und spätabends wieder zu”, sagt Brose. „Und man ist Hausmeister und Geistlicher in einer Person.” Das ist ein 24/7-Job. Erfüllend, aber auch Kräfte zehrend.

Er möchte nicht von Amtsmüdigkeit sprechen, aber er ist froh, jetzt mehr Freiheit zu haben. Die „Freiheit eines Christenmenschen”, wie sie einst Martin Luther postulierte, ist für ihn keine Floskel, sondern Handlungsmaxime. Und die nimmt er für sich ab Dezember auf eine neue Art in Anspruch. Er zieht mit seiner Frau Ina in ein Einfamilienhaus nach Tannenbusch, bis dahin werden Kisten gepackt. Da hinein kommt auch seine ganze Bibliothek und die Ordner mit den Predigten. Es könnten an die 1500 sein, die so in den 35 zurückliegenden Jahren zusammengekommen sind. Und jede ist eigens mit Schweiß verfasst. Er könnte sich vorstellen, in den Konvoluten zu blättern. Wahrscheinlich läsen sie sich wie ein Tagebuch. Mit zeitgeschichtlichen Anmerkungen zu Erde und Himmel.

Überhaupt die Predigt, sie war und ist für Brose der Kern seiner Berufung. Nicht selten kam nach dem Gottesdienst die Sprache auf das, was er verkündete. „Mein erster Schritt ist immer, den Originaltext aus dem Hebräischen oder Griechischen zu übersetzen.” Warum? Oft hätten die ursprünglichen Worte eine weiter gefasste Bedeutung, als die deutsche Bibelversion sie anbiete. „Nehmen Sie das Wort Buße, das hat einen negativen Beigeschmack, tatsächlich ist aber Umkehr gemeint, das ist viel positiver und weiter gemeint und führe letztlich zur Freiheit jedes einzelnen”, sagt Brose.

Die Predigt war und ist für Brose der Kern seiner Berufung.

Der Begriff der Freiheit hat es ihm angetan, er hat viel darüber nachgedacht, wie Karl Barth und Heinrich Heine. Und am Ende steht wieder Luther, der schlussfolgert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr und ein dienstbarer Knecht aller Dinge.” Ein Widerspruch? Nicht, wenn die „Knechtschaft” selbst gewählt ist. Und so definierte auch Brose seine Arbeit. Vor 35 Jahren kam er nach Hemmerich, sorgte dafür, dass die Kirche gebaut wurde. Und zwar als Multifunktionshaus.

Zelebrieren, singen, feiern, spielen, all das ist hier möglich in der Markuskirche. Und das muss auch sein, denn sie ist Anlaufstelle für die 2400 evangelischen Christen aus Hemmerich, Rösberg, Kardorf, Waldorf, Dersdorf und Merten. In Broses Amtszeit fielen die Errichtung des Kirchturms, der Kirchenanbau und die Anschaffung der Orgel. Man könnte von einem Lebenswerk sprechen. Doch wichtiger als die materiellen Errungenschaften ist ihm alles, was Gemeinschaft bedeutet.

Und da spielt die Musik vielleicht die größte Rolle. Brose selbst spielt Klavier, Fagott, Gitarre, Bass und Trompete. Er schwärmt von Kirchenchor, Mundharmonika-Orchester, Gitarrenkreisen und Jungbläsern. Was ist so besonders an der Musik? „Es ist das große Friedensspiel”, sagte Schiller sagt Brose. An vielen Stellen in der Bibel ist von Musik die Rede. Und sie hat immer mit überwinden und Brücken bauen zu tun.

Fällt es ihm schwer, das alles jetzt loszulassen? „Nein, jetzt kommt was Neues.” Und das gilt auch für die Gemeinde. Ein Jahr lang wird Pfarrer Udo Schwenk-Bressler aus Bad Godesberg den Übergang gestalten. Zusammen mit dem Presbyterium. Das soll schon etwas mehr sein, als die kirchenamtlich definierte Grundversorgung namens „Pastoraler Dienst im Übergang” (PDiÜ). Parallel muss die Stelle neu ausgeschrieben und besetzt werden. In einem Jahr kann der Nachfolger antreten.

Und was hat Gerhard Brose vor? „Musik machen und lesen”, sagt er. Und er tut das mit spürbarer Freude in der Stimme. „Als Pfarrer ist man verpflichtet, kreativ zu sein, jetzt darf ich es.” Viel Reisen? „Nein, ich bin kein Reisemensch.” Er respektiert es, wenn Menschen das tun, warnt aber auch, dass dies eine Flucht sein kann. Er sucht die Transzendenz woanders. Heutzutage seien die Menschen oft auf der Flucht. Sie seien auf ihr Bild nach außen fixiert, der Blick nach innen fehle vielfach. Was kann man dagegen unternehmen? „Ganz einfach: nicht so viel machen.” Auch er will sich ab sofort daran halten.

Der Abschiedsgottesdienst ist an diesem Sonntag, 2. September, ab 11 Uhr in der Markuskirche, Rösberger Straße 35 in Hemmerich. Zur Gestaltung wird unter anderem das Mundharmonika-Orchester der Markuskirche „Mu-Ma-85” beitragen.