Hochbegabte Kinder im Rhein-Sieg-Kreis: "Nicht alle Lehrer freuen sich"

Hochbegabte Kinder im Rhein-Sieg-Kreis : "Nicht alle Lehrer freuen sich"

Anne Berner-Bratvogel hat 2004 den Verein "Begabungs- und Hochbegabtenförderung" in Bornheim-Botzdorf gegründet. Dort lernen hochintelligente Kinder, wie sie ihre Begabungen entfalten können. Dabei rückt auch die emotionale Intelligenz immer mehr in den Fokus. Ulrike Sinzel sprach mit ihr über die Merkmale und Förderung von Hochbegabten.

Wie können Eltern erkennen, dass sie ein hochbegabtes Kind haben?
Anne Berner-Bratvogel: Schon bei Kindern ab drei Jahren sieht man manchmal, dass sie viel in sich aufsaugen, alles abscannen, und das auch verarbeiten. Generell sind Hochbegabte meist aufgeweckt, diskussionsfreudig, nehmen Regeln nicht hin und wollen wissen, warum etwas so ist. Sie nehmen alles auf, und das sorgt häufig für eine Reizüberflutung, die sich in einem hohen Bewegungsdrang äußern kann. Ein deutliches Zeichen ist auch, wenn sich Kinder ab vier, fünf Jahren lesen und rechnen selbst beibringen oder den Ehrgeiz haben, so gut zu sein wie ihre älteren Geschwisterkinder. Was ich immer wieder beobachte, ist außerdem ein großes Gerechtigkeitsempfinden von Hochbegabten bei sich und auch für andere Kinder.

Ticken Hochbegabte also anders?
Berner-Bratvogel: Es gibt wissenschaftliche Studien, die sagen, dass die Persönlichkeit und Bedürfnisse von Hochbegabten nicht anders sind als bei Normalbegabten. Wenn das auf einem Kongress für Hochbegabte vorgetragen wird, macht sich allerdings Unmut breit, denn viele Hochbegabte empfinden das anders. Es gibt Kinder, die normale oder sogar besonders erfolgreiche Wege gehen, deren Beziehungsqualitäten zu den Lehrern nicht von hoher Sensibilität beeinflusst sind und die in der Lage sind, strukturiert zu arbeiten und sich auf eine Sache zu konzentrieren. Es gibt aber auch andere, die so verletzt und verstört sind, wenn sie die Empfindung haben, dass ein Lehrer nicht korrekt arbeitet, dass das deren eigene Schulkarriere zerstört.

Welche Bedürfnisse haben hochbegabte Mädchen und Jungen denn?
Berner-Bratvogel: Natürlich das Bedürfnis nach "Futter". Sie brauchen mehr Reize als andere. Wenn ein hochbegabtes Kind gleichzeitig fernsieht, ein Buch liest und mit einem Freund im Internet chattet, dann weist das auf seine Fähigkeiten hin - das darf man nicht mit normal begabten Kindern gleichsetzen. Was natürlich nicht heißen soll, dass für sie ein übermäßiger Medienkonsum zu empfehlen wäre.

Welche Förderung ist optimal für Hochbegabte?
Berner-Bratvogel: Vielfältige Angebote machen, da sie sehr viele Interessen haben und so auch lernen können, Prioritäten zu setzen. Ich bin nicht für eine Trennung, aber es ist auch wichtig, dass sie zusätzliche Angebote haben, wo sie unter sich sind: So können sie sich austauschen, eine Rückmeldung bekommen, begreifen, dass mit ihnen alles in Ordnung ist und ihre Potenziale anwenden.

Zu welchen Problemen kann es im Zusammenhang mit Hochbegabung kommen? Gibt es Gemeinsamkeiten bei den Kindern?
Berner-Bratvogel: Vieles gelingt Hochbegabten schon als Kleinkind mühelos, sie werden beklatscht und stoßen, da sie in ihrer Entwicklung bis zu zwei Jahre weiter sind als es ihrem biologischen Alter entspricht, selten an ihre Grenzen. Das kann zum Problem werden, zum Beispiel wenn sie Routinen beim Rechnen gar nicht erlernen, da sie auch so schnell zum Ergebnis kommen und keine Lust haben, sich mit dem Lösungsweg zu befassen. Besonders bei Persönlichkeiten, die einen hohen eigenen Gestaltungswillen haben, ist die Bereitschaft gering, sich den Notwendigkeiten des Schulsystems zu unterwerfen.

Wie geht es den Eltern damit? Was können sie tun?
Berner-Bratvogel: Sie sind häufig sehr verunsichert, weil sie spüren, dass ihr Kind wunderbare Fähigkeiten besitzt, sich aber in seinen Verhaltensstrukturen nicht so positiv entfaltet. Sie fühlen sich als schlechte Eltern, weil ihnen von der Schule oft auch die Erziehungskompetenz abgesprochen wird. Die Eltern müssen den Kindern Strukturen geben und sollten sich selbst nicht in den Hintergrund stellen. Gleichzeitig ist es wichtig, das Kind zu respektieren und mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Wie erleben Sie den Umgang der Gesellschaft mit hochbegabten Kindern? Gibt es Klischees?
Berner-Bratvogel: Im Fernsehen sind oft nur extreme Fälle zu sehen: Das Schachgenie oder kleine Einsteins. Nicht alle Lehrer freuen sich, wenn sie ein hochbegabtes Kind in der Klasse haben, denn sie müssen eine breite Mitte schaffen.

Was hat sich in Sachen Intelligenzforschung in den vergangenen Jahren getan?
Berner-Bratvogel: Früher ging es beim Thema Intellekt nur um die linke Gehirnhälfte, die für rationales Denken zuständig ist wie etwa Mathematik und logisches Denken. Mittlerweile rückt immer mehr auch die emotionale Intelligenz und damit die rechte Gehirnhälfte in den Fokus der Forschung. Dazu gehört etwa die Fähigkeit, kreativ und intuitiv zu sein und schnell denken zu können: Ein emotional strukturierter Mensch verarbeitet parallel, schöpft aus seiner Lebenserfahrung, während rational strukturierte Menschen erst alles in Einzelteile zerlegen und sich dann eine Meinung bilden. Um Zufriedenheit und Glück zu erlangen und erfolgreich zu sein, muss auch die emotionale Intelligenz mit einbezogen werden: Ich beziehe alle Sinne mit ein, verankere Neues auch emotional. Das ist auch der Trend in Angeboten zur Stärkung der Entwicklung von Hochbegabten und in der Begabungsförderung.

Zur Person

Anne Berner-Bratvogel (geboren 1952 in Bonn) ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt in Botzdorf. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Rheinland in Köln (Pädagogik und Lehramt). Danach arbeitete sie in der Marktforschung für Ministerien und Unternehmen, später freiberuflich unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation. 2004 gründete sie den Verein Begabungs- und Hochbegabtenförderung in Bornheim. Zu dessen Programm gehört beispielsweise die Interaktion mit Pferden zur Stärkung von rationaler und emotionaler Kompetenz. Kontakt: 02222/9898430 oder www.begabungs-und-hochbegabtenfoerderung.de.