Kinogänger erinnern sich an die verschwundenen Lichtspieltheater des Vorgebirges

Ehemalige Kinos im Vorgebirge : Der Pfarrer brachte das erste Kino nach Walberberg

Kinogänger erinnern sich an die verschwundenen Lichtspieltheater des Vorgebirges. Auch der GA schaut auf die verschwundenen Kinos in der Region zurück.

Wer als Bornheimer ins Kino will, muss auf die Lichtspielhäuser der Nachbarstädte Bonn, Brühl oder Köln zurückgreifen. Doch das war einst anders: Mindestens vier Kinos hat es dort früher gegeben. Gesicherte Informationen gibt es wenige, doch die Erinnerungen der Kinogänger von früher sind noch frisch. Eine Spurensuche.

■ Regina/Burg-Theater, Bornheim-Ort: Wo sich auf dem Gelände des Baustoffhandels Schilling heute Holzlatten und PVC-Rohre stapeln, zeigte früher das Ehepaar Lehner Filme. Geschäftsführer Peter Schilling erzählt, dass er im Burg-Theater an der Königstraße 42 als Jugendlicher selbst regelmäßig zu Gast war. Das Paar habe das Kino nebenberuflich abends und am Wochenende betrieben und direkt gegenüber gewohnt. „Das war unangenehm für mich, weil Frau Lehner mich kannte. Wenn wir in die Filme ab 16 wollten, haben wir den Größten von uns Karten holen geschickt und sind dann auf Zehenspitzen reingeschlichen“, erinnert Schilling sich schmunzelnd.

Vom Ende des Kinos berichtete der GA am 21. Dezember 1977: Am Tag zuvor hatte ein explosionsartiger Knall die Anwohner aus dem Schlaf gerissen. „Gegen 4.35 Uhr waren Decke und Außenwand des Lichtspielhauses ‚Burgtheater’ eingestürzt und hatten sämtliche Stuhlreihen des Kinos unter sich begraben“, hieß es. Noch am Abend zuvor hatten in dem 200-Plätze-Saal Besucher Disneys „Robin Hood“ gesehen. Kurze Zeit später schlossen die Lehnerts Schilling zufolge das Kino.

Der Grund für den Einsturz lag wohl in den Anfängen des Kinos: Es war nach dem Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Tanzsaal der nebenan liegendenden Gaststätte Schwadorf eingerichtet worden, der aus den 30er Jahren stammte. „Der erste freitragende Tanzsaal in der Gegend“, erinnert sich Schilling. Laut GA gab es beim Umbau noch keine Bauaufsicht. Schilling vermutet, dass das Fundament unterspült worden war. Die Wand zur Straße blieb verschont – sie steht noch heute. Die Schaukästen, die heute Firmenwerbung enthalten, zeigten früher Filmplakate.

Neben der Gaststätte Schwadorf war früher ein Kino, heute ist dort der Baustoffhandel Schilling. Das Gemälde hängt ein paar Häuser weiter im Kaisersaal. Foto: Katharina Weber

Laut „Der neue Film“ 1959, übernahm Ferdinand Lehner das Regina-Theater von Munda Stöcker und nannte es Burg-Theater. „Oben drüber wohnte Herr Unger, der Filmvorführer, der keine Toilette hatte und seinen Topf immer aus dem Fenster auf die Straße entleert hat“, erinnert sich eine Bornheimerin auf Facebook. Ein Junggeselle „und ein Original war das“, ergänzt Schilling.

■ Metropol/Capitol, Merten: Wo später René Böll den Lamuv-Verlag gründete und auch sein Vater, der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, einzog, wo heute Segschneider Getränke verkauft – dort befand sich früher ein Kino. Ab 1928 zeigte Jean Müller dem Bornheimer Stadtarchiv zufolge in seiner Gaststätte an der Martinstraße 9 unter dem Namen Metropol-Lichtspiele Filme.

Später baute Wilhelm Müller einen richtigen Kinosaal, in dem 1957 mit dem Film „Sissi“ Premiere gefeiert wurde. Wie in „Der neue Film“ und dem „Film-Echo“ damals zu lesen war, trug das Kino in „Merten bei Köln“ den Namen Capitol-Theater. „Im 361 Besucher fassenden Zuschauerraum reizvolle Wandverkleidungen, ein attraktiver Bühnenvorhang und bequeme Kinosessel der Euskirchener Stuhlfabrik“, hieß es in „Der neue Film“.

Mit seinem abfallenden Boden sei der Saal sehr modern gewesen, findet der Mertener Hans-Peter Breuer. Mit vier alten Freunden aus dem Dorf tauscht sich der 67-Jährige bei einer Tasse Kaffee über den Kinosaal neben der Kneipe aus. Sonntags hatte der Kinobesuch einen festen Platz im Tagesablauf der Clique. „Das Kino war eine Institution“, sagt Breuer.

Trotz Fehden zwischen den Dörfern seien die Leute auch von außer­halb gekommen, sagt Robert Link. „Da wurde sich vor dem Kino auch schon mal geprügelt“, berichtet er. Aber hinterher habe man sich die Hand gegeben. „Goldfinger“, „Winnetou“ oder der Aufklärungsfilm „Helga“ – 1,80 Mark habe eine Vorstellung damals gekostet, weiß Herbert Meyer noch.

Der Einlass sei immer spannend gewesen, erinnert er sich weiter. Früher habe man am Kino noch Schlange gestanden, in einem richtigen Gedränge. „Was anderes hatten wir ja nicht“, stellt Gerda Wieler fest – außerdem herrschte freie Platzwahl. Müller und seine Frau hätten dann ein Seil gespannt, um die Masse zurückzuhalten. „Herr Müller war ein kleiner Mensch, aber konnte den Jugendlichen Paroli bieten“, sagt Breuer.

„Wir waren immer bemüht, in die letzte Reihe zu kommen“, sagt Waltraud Linzbach, die dort zum ersten Mal geküsst wurde. Die letzten drei Reihen seien vor allem bei Pärchen beliebt gewesen. Händchenhalten und heimliche Küsse austauschen – der Film sei dann Nebensache gewesen, erzählt Breuer. Doch es hat sich gelohnt: „Ich hab den geheiratet, mit dem ich früher immer ins Kino gegangen bin“, sagt Linzbach.

Heiratsmarkt, Umschlagplatz, Treffpunkt: Das Kino habe den Mertenern viel bedeutet, ist sich die Gruppe einig. Circa Ende der 60er war der Spaß dann vorbei. Aus Altersgründen hätten die Müllers den Saal verkauft, sagt der Mertener Heinrich Krämer.

■ Gloria/Roxy, Roisdorf: Heute befindet sich dort die Diskothek Weekend, in den 50ern und 60ern wurden an der Brunnenstraße im ehemaligen Tanzsaal neben der Gaststätte Zur Quelle Filme gezeigt. „Ich bin als Kind in der letzten Vorstellung gewesen“, weiß Ernst Gierlich von den Roisdorfer Heimatfreunden noch. Eine Komödie, an mehr erinnert er sich nicht mehr. Das Kino sei damals von der Familie Frings verwaltet worden.

Ein Sohn dieser Familie, Wilhelm „Willi“ Frings, arbeitet als Frisör in Bonn. Am Telefon verrät er ein paar Details, bevor er sich wieder den Haaren widmen muss: Sein Vater, der den sogenannten Drei-Kaiser-Saal untervermietete, hatte die Idee, diesen für „die sieben Feste der Kirche“ zu öffnen. Wenn also Feierlichkeiten anstanden, musste der Kinobetrieb unterbrochen werden. Dem ersten Mieter, Johannes Blumenstein, habe das überhaupt nicht gepasst, erzählt Frings. Laut der Kinoliste im „Kinematograph“ übernahmen 1961 Paul und Isolde Schumacher für ein Jahr das Kino. Der letzte Mieter war laut Frings die Familie Berendt, die sich vorbildlich um den Saal gekümmert habe.

■ Wali-Lichtspiele/Central-Theater, Walberberg: Ein Blick in die „Pfarrchronik von 1912 bis 1954“ verrät, dass der damalige Pfarrer im Winter 1913/14 das erste Kino ins Dorf brachte. Wie Heribert Keßler, Vorsitzender des Förderkreises Historisches Walberberg (FHW), verrät, handelte es sich dabei um Pfarrer Heinrich Falkenberg. „Weitere Infos über Ort und Art liegen leider nicht vor“, sagt Keßler.

Ein Plakat der Brauhaus Lichtspiele in Walberberg von 1928. Foto: Stadtarchiv Bornheim

Schon 1928 liefen einem Brief des damaligen Bürgermeisters zufolge Filme im Saal von Gastwirt Peter Breuer, dem Eisensaal. Im Archiv des FHW finden sich dazu Berichte des Walberbergers Hans Grugel. Danach wurde die Gaststätte in den 50ern von Anna „de Oma“ Wielers geführt. „Bald wurde der Saal zweimal pro Woche für Filmvorführungen genutzt. Ich durfte im ganzen Dorf die Zettel mit den Ankündigungen in die Häuser bringen und als Entlohnung die Filme kostenlos sehen“, berichtete Grugel.

Doch dann wurde die „Zensur für Jugendliche“ eingeführt. „Oma Anna setzte mich einfach in den Vorraum neben den Filmprojektor und ich sah den Skandalstreifen ‚Die Sünderin’ mit Hildegard Knef durch die Fensterscheiben“, schrieb er.

Ende der 50er wurde die Gaststätte aufgegeben und teilweise abgerissen. „Der Saal wurde bestuhlt und in das Kino Central-Theater umgewandelt“, schrieb Grugel weiter. Das Kino, das „Der neue Film“ zufolge zuvor Wali-Lichtspiele hieß, ging 1956 auf Ferdinand Haybach über und erhielt den neuen Namen Central-Theater.

Autor Kurt Kullmann vermutete in einem Dokument des Archives, dass das Kino sein Ende fand, weil das Gebäude zu baufällig war. „Ich kann mich jedenfalls durchaus daran erinnern, die vor sich hin rostenden Eisenträger unter dem Dach gesehen zu haben, von denen das Gebäude seinen Namen bekommen hatte.“

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