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Ausbildung mit Behinderung: Inklusionsschüler aus Bornheim sucht Ausbildungsplatz

Ausbildung mit Behinderung : Inklusionsschüler aus Bornheim sucht Ausbildungsplatz

Der 18-jährige Inklusionsschüler Tom aus Merten sucht nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr einen Ausbildungsplatz. Praktika hat er bereits in einem Supermarkt und einem Obstbaubetrieb gemacht.

Mahlzeiten verteilen, die Spülmaschine ausräumen, für Ordnung sorgen: Wenn Tom frühmorgens seinen Dienst im Seniorenhaus St. Josef in Roisdorf antritt, weiß er, dass viele wichtige Aufgaben auf ihn warten. Seit fast einem Jahr absolviert der 18-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Einrichtung an der Siegesstraße. Wenn dieses Ende August ausläuft, würde er wie etliche seiner Altersgenossen gerne in eine Berufsausbildung starten. Doch das gestaltet sich schwierig: Tom ist in seiner Entwicklung stark verzögert und benötigt viel Unterstützung. Sein FSJ absolviert er als „Tandem-FSJ“ zusammen mit einem anderen Jugendlichen, der ihn anleitet.

„Das hat super funktioniert“, berichtet Toms Mutter Cordula Müller. Schon immer hat sie mit ihrem Mann Lothar alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ihr Sohn gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen lernen konnte. Dafür nahm die Familie, die in Merten lebt, viel auf sich. Seine Grundschulzeit verbrachte Tom an der Herseler-Werth-Schule. Anschließend gehörte er zum ersten Jahrgang der Inklusionsschüler an der Bornheimer Europaschule, die er im vergangenen Jahr nach der zehnten Klasse verließ. Doch während die Inklusion in Schulen wie der Bornheimer Gesamtschule bereits gelebt wird, scheint sie in der Arbeitswelt noch nicht angekommen zu sein.

Obwohl Cordula Müller bereits bei zig Unternehmen angefragt hat, erklärte sich bislang kein Arbeitgeber bereit, Tom eine Chance zu geben. „Es kann doch nicht sein, dass wir bis hierher gekämpft haben und nun die Wahl haben zwischen einer Behindertenwerkstatt und nichts“, meint Müller. Eine Behindertenwerkstatt kommt für die Mutter, die die Elterninitiative Inklusion Bornheim gründete, weiterhin nicht infrage. „Tom soll lernen, in einer ganz normalen Gesellschaft zurechtzukommen. Er soll richtig arbeiten und richtiges echtes Geld verdienen.“

Die Erfahrung, gebraucht zu werden, nützlich zu sein und für seine Arbeit Geld zu bekommen, hat Tom während seines FSJ gemacht. Müller: „Daher wäre es schade, wenn er jetzt nicht mit einer Berufsausbildung daran anschließen könnte.“ Praktika hat Tom bereits in verschiedenen Bereichen absolviert: So sammelte er unter anderem Erfahrungen in einem Supermarkt und einem Obstbaubetrieb. Für viele Betriebe sei es kaum vorstellbar, einen Ausbildungsplatz für einen Menschen mit Beeinträchtigung anzubieten, meint Cordula Müller. Grund dafür sei oft Unkenntnis – und der Aufwand, der vermeintlich damit verbunden ist.

Dabei gibt es Hilfen: Um sich im Dschungel der Zuständigkeiten zurecht zu finden, bietet beispielsweise die Industrie- und Handelskammer (IHK) eine Beratung für Unternehmen zu allen Themen rund um die Inklusion an. Hier können sich Arbeitgeber, die Interesse haben, einen Menschen mit Behinderung einzustellen, über Fördermöglichkeiten informieren. Finanzielle Anreize für Unternehmen gibt es nämlich sehr wohl.

MehrUnterstützung der Stadt Bornheim gewünscht

Arbeitgeber erhalten zum einen Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung und zum anderen zu Ausbildungskosten und Gebühren. Sogar eine Kontaktaufnahme zu den zuständigen Kostenträgern sowie Unterstützung bei der Antragstellung wird geboten. „Viele Unternehmen, die den Weg einmal gegangen sind, gehen ihn immer wieder“, weiß Alexander Reimer, Fachberater für Inklusion bei der Industrie- und Handelskammer zu Köln aus Erfahrung. „Die Barrieren befinden sich häufig im Kopf. Haben die Arbeitgeber das Know-how der Jugendlichen einmal erkannt, erledigen sich viele Befürchtungen und Vorurteile von selbst.“ Diese Hoffnung hat auch Cordula Müller. „Der Betrieb muss sich ja nicht für die nächsten 40 Jahre verpflichten. Es geht um eine Ausbildung.“

Von der Stadt Bornheim würde sich die Familie Müller mehr Unterstützung wünschen. Beim Landtag reichte sie eine Petition mit derselben Forderung ein. „Tom ist nicht der erste und nicht der letzte Schüler mit Unterstützungsbedarf, der nach seiner Schullaufbahn eine Ausbildung sucht. Bildung hört nach der Schule nicht auf, sondern muss weitergehen in Ausbildung und Arbeit.“

Wie die Stadt Bornheim auf GA-Anfrage schriftlich mitteilte, kann sie jungen Menschen mit Behinderungen beim Einstieg ins Berufsleben behilflich sein, indem sie Kontakte zu Unternehmen vermittelt. Darüber hinaus unterstützt die Stadt die Arbeitsgemeinschaft „Treffpunkt Ausbildung“, die seit 2012 erfolgreich die Bornheimer Berufsmesse organisiert.

Die Arbeitsgemeinschaft ist eine Gemeinschaftsinitiative der Verbundschule Uedorf, der LVR-Ernst-Jandl-Schule in Bornheim, der Heinrich-Böll-Sekundarschule in Merten und der Europaschule Bornheim. In die Praxis hineinschnuppern können Schülerinnen und Schüler auch über sogenannte KURS-Lernpatenschaften, also Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben. Für Ende des Jahres plant die Stadt eine Veranstaltung zum Thema „Inklusion im Beruf“.

Cordula Müller hofft, dass ihr Sohn möglichst bald nach Ende des FSJ einen Ausbildungsplatz findet oder zumindest eine so genannte „berufliche Einstiegsqualifizierung“ absolvieren kann. „Sonst fällt er in ein Loch.“ Lesen, schreiben und rechnen falle ihrem Sohn zwar schwer. „Aber er besitzt ein sehr starkes Regelbewusstsein, arbeitet gerne am Computer und hat für viele Dinge einen besonderen Blick.“

Informationen für Betriebe rund um das Thema Inklusion gibt es unter www.ihk-bonn.de Stichwort „Inklusion“ sowie unter www.bonn-rhein-sieg-fairbindet.de. Wer Tom einen Ausbildungsplatz anbieten möchte, kann sich unter elterninitiative@online.de mit der Familie Müller in Verbindung setzen.