Cellospielen rettete ihr das Leben: Holocaust-Überlebende zu Gast in Hersel

Cellospielen rettete ihr das Leben : Holocaust-Überlebende zu Gast in Hersel

Als junges Mädchen wird Anita Lasker-Wallfisch 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie allein wegen ihrer Mitgliedschaft im Mädchenorchester dem Tod in der Gaskammer entgeht. In der Herseler Ursulinenschule berichtet die heute 92-Jährige über den Holocaust.

Eine Frau mit weißen Haaren, grauer Hose und bequemen Schuhen sitzt an einem Tisch, der auf einem Holzpodest steht. Vor ihr ein Mikrofon. Der Name der Frau ist Anita Lasker-Wallfisch. Auf den ersten Blick sieht die 92-Jährige nur aus wie eine ältere Dame – wäre da nicht die Tätowierung auf ihrem linken Unterarm. Die Zahlen 69388 sind etwas verschwommen, aber noch lesbar. Seit ihrer Internierung im Konzentrationslager Auschwitz im Dezember 1943 hat Lasker-Wallfisch diese Häftlingsnummer.

Vor etwa 200 Mädchen und Jungen der Herseler Ursulinenschule und des Bonner Collegiums Josephinum sprach die jüdische Zeitzeugin am Mittwoch im Aegidiussaal der Ursulinenschule über ihre Erlebnisse während des Holocaust. Eindrucksvoll und berührend erzählt die Deutsch-Britin, trotz schlechter Akustik, von ihren Eltern, ihren Schwestern und dem Familienleben. Geboren wurde Lasker-Wallfisch als jüngste von drei Töchtern in der heutigen polnischen Stadt Wroclaw, damals Breslau. „Mein Vater war Rechtsanwalt und Notar. Er hatte eine Vorliebe für Fremdsprachen, weshalb wir sonntags immer Französisch sprechen mussten. Ich fand das lächerlich“, gesteht sie. Die Jugendlichen kichern.

Ihre Mutter spielte Geige. Eine musische Neigung hatten auch die Kinder, weshalb jede Tochter ein Instrument erlernte. Lasker-Wallfisch hatte ihre Passion für das Cello gefunden. Damals wusste sie noch nicht, dass ihr dies einmal das Leben retten würde.

Antisemitismus nahm sie bereits als Achtjährige wahr. „Ich wollte in der Privatschule, die ich besuchte, die Tafel putzen. Da hörte ich, wie jemand sagte: 'Gib dem Juden nicht den Schwamm!'“ Das kleine Mädchen verstand die Welt nicht mehr. „Wir Juden waren auf einmal unerwünscht“, sagt sie, holt einen gelben Judenstern aus einem Buch und zeigt ihn den Schülern. Die Betroffenheit ist den Anwesenden anzumerken.

Sie erinnert sich an schwarze Gestalten in Umhängen, entsetzlichen Gestank und Geschrei

1942 wurden Lasker-Wallfischs Eltern deportiert. Sie sah sie nie wieder. Ein Jahr später kam sie als 17-Jährige ins Konzentrationslager Auschwitz – wie ihre Schwester Renate. Die älteste Schwester Marianne wurde bereits Jahre zuvor mit einem Kindertransport nach England geschickt. Vor ihrer Zeit in Auschwitz arbeiteten Lasker-Wallfisch und ihre Schwester in einer Papierfabrik und fälschten Pässe für eine Flucht nach Frankreich. Allerdings wurden sie am Bahnhof von der Gestapo verhaftet, eingesperrt und wegen Urkundenfälschung verurteilt.

„Alles, was ich von Auschwitz gehört hatte, war wahr“, blickt die 92-Jährige zurück. „Als wir abends ankamen, sah ich schon die Baracken. Ansonsten erinnere ich mich an schwarze Gestalten in Umhängen, entsetzlichen Gestank und Geschrei.“ Weil sie als Verurteilte interniert wurde, blieb ihr die Selektion und somit die Gaskammer erspart. „Im Lager gab es eine Kapelle, und durch Zufall stellte sich heraus, dass noch ein Cellistin gesucht wurde.“ Das war ihre Chance, dort im Mädchenorchester zu spielen. 1944 kam sie mit ihrer Schwester nach Bergen-Belsen, ein Jahr später befreite die Britische Armee das Lager. Über Belgien wanderte Lasker-Wallfisch nach Großbritannien aus, wo sie Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchestra war und als Cellistin wirkte.

In ihrer eigenen Familie, sie hat unter anderem einen Sohn, blendete sie jene Jahre fast komplett aus. „Als mein Sohn fünf Jahre alt war, sprach er mich auf die Nummer auf meinem Unterarm an. Ich sagte ihm, dass ich ihm das später mal erklären werde.“ Vor Schulklassen ist Lasker-Wallfisch nicht so zurückhaltend. Denn: „Wenn man mich fragt, spreche ich auch darüber. Einer meiner Enkel interessiert sich inzwischen mehr dafür als die anderen“, sagt sie. „Ich glaube, es ist schwer zu fragen: 'Wie war es in Auschwitz?'“ Lasker-Wallfisch gesteht, dass ihr diese Frage bisher so direkt noch nicht gestellt wurde. „Es ist ja auch schon alles so lange her.“

Inzwischen wirkt die ältere Dame vom Reden und Erinnern etwas erschöpft. Am Dienstagabend verlieh ihr Ministerpräsident Armin Laschet den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und würdigte damit ihr Engagement, bei vielen Vorträgen und Besuchen in Schulen jungen Menschen von ihrem bewegenden Leben zu erzählen. Sie habe „über viele Jahre ihren großen Beitrag dazu geleistet, damit das Klima in unserer Gesellschaft nicht mehr von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt belastet wird“. Und auch der Besuch in Hersel dauert fast zwei Stunden. Einige Schüler gehen noch zum Podest und lassen sich die Autobiografie „Ihr sollt die Wahrheit erben: Die Cellistin von Auschwitz“ signieren.

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