Hier kann man unkompliziert beten

"Wo sind die Kirchen heute noch an einem Wochentag geöffnet? Da muss man doch die Gelegenheit nutzen!" Wilfried Kreuel aus Dersdorf hat es sich nach einem stressigen Arbeitstag nicht nehmen lassen, eine Stunde der Ruhe in Merten zu finden. Großer Andrang herrscht am Dienstagabend in der Pfarrkirche Sankt Martin.

Mehrere hundert Menschen füllen die Bänke in dem nur mit Kerzen erleuchteten Gotteshaus. Leises Gemurmel erfüllt den sakralen Raum. Erste Kerzen werden vor dem Altar entzündet. Dann herrscht erwartungsvolle Stille. Der zehnte "Abend des Lichts, der Musik und des Gebets" wird eröffnet.

In der Vergangenheit war hier schon öfters namhafter Besuch zu Gast: Joachim Kardinal Meisner etwa und Weihbischof Heiner Koch. An diesem Abend will Diakon Willibert Pauels, der in seiner Rolle als "Ne bergische Jung" als eines der Aushängeschilder des Kölner Karnevals gilt, "für die Seelen der Gemeinde" sorgen, so Mitorganisatorin Isabelle Lütz.

Nachdem er, "nur zur Identifikation", kurz seine Pappnase aufgesetzt hat, fesselt er die Zuhörer nicht nur mit ausdrucksvoller Gestik und Mimik, sondern vor allem mit seinen Erlebnissen aus Kindertagen und dem ersten Begreifen um das Wesentliche in seinem ganz persönlichen Glauben an Gott.

Mit dem Ausspruch von Martin Walser, der ihm zum Leitfaden geworden ist, regt er die Besucher zum Nachdenken an: "Ein Mensch, der nicht glauben kann, dem ist die Welt letztlich immer fremd." Große Stille kehrt ein, als zu meditativer Musik Pfarrer Norbert Prümm das Allerheiligste aussetzt. Dann nehmen die Menschen wieder ihren Gang zum Altar auf. Kerzen werden entzündet, Zettel mit Sorgen, Nöten und Dankesworten in einen Behälter gelegt und aus einem anderen ein tröstlicher Bibelspruch entnommen, ehe sie in die Bänke zurückkehren.

Heinrich Krämer aus Merten hat die Zeit genutzt und für die Genesung eines kranken Freundes gebetet. "Ich bin sehr zum Nachdenken gekommen", sagt er. Auch eine Mertenerin, die namentlich nicht genannt werden will, bittet Gott um ein gesundes Enkelkind.

Nach dem Vorbild der Aktion "Nightfever", die seit dem Weltjugendtag 2005 in mehreren großen Städten regelmäßig stattfindet, hat ein Team um Isabelle Lütz die besondere Art der Anbetung nach Merten geholt. Es bietet Menschen jeglicher Glaubensrichtung einen Ort an, wo sie "unkompliziert beten und Kraft tanken können". Diese "ungewöhnliche Stunde der Ruhe mitten in der Woche" genießt deshalb Marita Isenburg aus Hemmerich nicht zum ersten Mal: "Hier komme ich Jesus am nächsten", findet sie.

Instrumentalisten, ein "Minichor", der Kirchenchor und erstmals der Jugendchor der evangelischen Gemeinde Hemmerich steuern die Musik dazu bei. Vorgetragene Gebete geben Anstoß zu eigenen Worten. Gut 60 Helfer garantieren einen reibungslosen Ablauf, angefangen bei der Kinderbetreuung im nahegelegenen Pfarrheim.

"Die Möglichkeit dieser besonderen Gottesbegegnung ist auch so etwas wie ein Ausgleich zur manchmal überproportionalen Beschäftigung mit Strukturfragen und manchem Streit in den Pfarreien. Denn Sorgen und Dank vor Gott tragen, diese Sehnsucht vereint die Menschen auch dann, wenn sie in Kirchenfragen unterschiedliche Auffassungen haben", begründet Lütz ihr Engagement und zeigt sich überwältigt vom Zuspruch.

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