Gitarrist Jens Streifling kam vor dem Mauerfall aus Halle nach Köln.

30 Jahre Mauerfall : Höhner-Gitarrist spielte BAP und Lindenberg am Lagerfeuer

Höhner-Gitarrist Jens Streifling verließ die DDR drei Monate vor dem Mauerfall. Es zog ihn nach Köln, weil die Rheinmetropole für ihn eine Stadt der Musik ist.

Ein Jahr musste Jens Streifling warten, bis sein Ausreiseantrag aus der DDR genehmigt wurde. Dann ging alles ganz schnell. Im August 1989 packten der damals 22-Jährige und seine damalige Frau Maren in Halle ihre Koffer und fuhren mit dem Zug nach Köln, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.

„Unser Sohn Konstantin war unterwegs, und wir wollten nicht, dass er in einem unfreien Land aufwächst“, sagt Streifling heute. Inzwischen ist er Höhner-Gitarrist und lebt in Bornheim-Brenig. Bei seiner Ausreise konnte er nicht ahnen, dass drei Monate später die Mauer fallen sollte. Den Schritt in den Westen hat er nie bereut. „Das war ein großes Glück für mich“, sagt er heute, 30 Jahre nach seiner Übersiedlung. „Ich kam mit nix und konnte mir was aufbauen.“

Den Antrag auf Ausreise begründete das Ehepaar Streifling mit der engen Beziehung zur Familie von Maren, die in der Bundesrepublik lebte. Was sie nicht in den Antrag schrieben: Sie hatten genug von den Besuchsverboten, von der Bespitzelung durch einen Stasi-IM aus der Nachbarschaft und vom Zustand der Stadt Halle. „Wenn man draußen Wäsche aufhängte, war sie nach wenigen Minuten mit Asche bedeckt, und die Saale stank nach Öl.“ Die DDR-Führung hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt, das Land öffnete sich nicht. Streifling: „Das wurde mir schlagartig klar, als ich 1987 mit  meiner damaligen Band Zebra in Russland auf Tournee war. Dort bewegte sich was, in der DDR stagnierte alles. Honecker und sein Politbüro wurden ja nicht mehr ernst genommen.“

Die Wahl des neuen Wohnorts fiel auf Köln, „weil Köln eine Stadt der Musik war, und mit Musik wollte ich mein Geld verdienen“, erzählt Streifling. „Außerdem war ich BAP-Fan.“ Er besaß die Platte „Vun drinne noh drusse“. Songs wie „Do kanns zaubere“ habe er damals am Lagerfeuer rauf und runter gespielt, ebenso Udo Lindenberg, der in der DDR damals schon Kult-Status genoss, nicht zuletzt wegen Liedern wie „Mädchen aus Ostberlin“, „Rock’n’ Roll-Arena in Jena“ und „Sonderzug nach Pankow“. Platten aus dem Westen wurden meist über Verwandte ins Land geschmuggelt und dann per Kabel auf Kassette überspielt. Aber auch Ostbands wie die Puhdys, Silly, City, Pankow und Karat waren angesagt. „Sonderzug nach Pankow“ durfte damals nicht im Radio gespielt werden, weil Lindenberg sich über  Honecker lustig machte. Nenas „99 Luftballons“ war hingegen erlaubt. „Das war ja ein nettes Friedenslied“, sagt Streifling.

Als Junge beim Betriebs-Blasorchester gelernt

Seine musikalische Grundausbildung genoss der Sohn einer Musiklehrerin beim Jugendblasorchester des Volkseigenen Betriebs Braunkohleveredlung Espenhain, die er allerdings beenden musste, als er im Juni 1988 den Ausreiseantrag stellte. So verdiente er ein Jahr mit der Punkband The Crux sein Geld. Streifling hatte auch auf ein Musikstudium verzichtet, weil er dann im Orchester der Stasi hätte mitspielen müssen – und das wollte er nicht. So begann er eine Lehre als Elektriker.

Im Westen wurde ihm „fast schwindlig“, als er zum ersten Mal einen Supermarkt betrat. „Was da zu viel an Konsum angeboten wurde, fehlte im Osten. Man müsste ein Mittel zwischen dem Mangel und Übermaß finden“, meint Streifling. Dann erfüllte sich ein Traum: eine Reise nach Amerika. Eine Band suchte für ein Drei-Monats-Engagement im „Old Munich“ in Montreal einen Musiker. Streifling bekam den Zuschlag und spielte jeden Abend bayerische Volksmusik und Schlager wie „Rosamunde“.

Kann Zustimmung zur AfD nicht nachvollziehen

Die große Zustimmung für die AfD und die Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland kann er nicht nachvollziehen, zumal dort der Ausländeranteil relativ gering sei. Streifling sieht in Ausländern und neuen Kulturen auch eine Bereicherung. Den Kontakt mit einem AfD-Anhänger aus seinem Bekanntenkreis habe er kürzlich abgebrochen, als dieser rechte Sprüche gemacht habe.

„Wir sollten froh sein, dass alles so gekommen ist, dass wir in einem weltoffenen und freien Land leben“, bilanziert Streifling nach 30 Jahren im wiedervereinten Deutschland. Und zur Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher: „In der DDR hat die Führung den Menschen viele Entscheidungen abgenommen. Man muss auch selbst anpacken. Nicht nur meckern. Machen.“

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