Arbeit der Sea-Watch 3 im Mittelmeer: Flüchtlingshelfer Kurt Schiwy beschreibt Alltag an Bord

Arbeit der Sea-Watch 3 im Mittelmeer : Flüchtlingshelfer Kurt Schiwy beschreibt Alltag an Bord

Zweimal war der Bornheimer Kurt Schiwy bereits an Bord von Rettungsschiffen im Mittelmeer und hat Flüchtlinge aus dem Wasser gerettet. Mit der Bonner Flüchtlingshelferin Anna Bartz zeigt er den Dokumentarfilm „Iuventa“ über den Alltag an Bord und spricht über seine Erlebnisse.

Sie waren Ende 2017 auf der Sea-Watch 3. Wie sind Sie von Bornheim aus Teil der Crew geworden?

Kurt Schiwy: Ausschlaggebend war für mich das Bild des toten Jungen, der am Strand lag. Ich habe mich einfach als Elektriker und IT-Fachmann bei Sea-Watch beworben. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie auf einem größeren Schiff, nur auf Segelschiffen. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass sie mich auswählen.

Wie wurden Sie auf die Fahrt vorbereitet?

Schiwy: Es gibt Treffen vor Ort, ein Telefongespräch mit einer Psychologin und eine Telefonkonferenz. Zudem übernimmt man von der vorherigen Crew das Schiff und wird eingewiesen.

Wie sah Ihr Alltag an Bord aus?

Schiwy: Mein Gebiet war die Technik an Bord. Ich habe zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Satellitenverbindung steht, damit Journalisten von vor Ort aus berichten können. Der Alltag ist durchstrukturiert, jeder hat seinen Aufgaben – dazwischen wird geschlafen.

Wie ist es, mit 22 Menschen an Bord zu sein?

Schiwy: Es entwickelt sich eine Gruppendynamik. Unsere Köchin war beispielsweise Veganerin, die Maschinisten jedoch strikte Fleischesser, das führt zu Diskussionen.

Wie viele Flüchtlinge haben Sie in der Zeit gerettet?

Schiwy: Es waren 283 im November und Dezember 2017. Im Oktober 2018 war ich an die Lifeline ausgeliehen. Das Unternehmen plant, eine Flotte aus Segelbotten aufzustellen. Dafür habe ich vor Ort zwei Segelboote mit der nötigen Technik ausgestattet.

Pia Klemp, die vor Ihnen Kapitänin auf der Sea-Watch 3 war, droht in Italien der Prozess. Wie geht man mit so einer Situation um?

Schiwy: Vor Ort überwiegt die Arbeit. Bei der Sea-Watch war alles sehr durchgetaktet, zu der Zeit stand die Rettung im Vordergrund. Ein Jahr später, auf der Lifeline, haben wir uns verstärkt Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen kann. Die Rettungswesten haben wir beispielsweise unter Deck gelagert, um nicht von den italienischen Behörden angeklagt zu werden. Trotzdem war die Gefahr, der wir uns als Crew aussetzen, immer ein Thema im Team. Aber ich denke, dass wir das Richtige tun. Wenn wir für die Rettung angeklagt werden, dann gehe ich gerne ins Gefängnis. Ich denke sogar, dass sich der Internationale Gerichtshof in einigen Jahren mit dem Verhalten von einigen Politikern beschäftigen wird, zum Beispeil wegen unterlassener Hilfeleistung.

Schrecken die Anklagen gegen Crewmitglieder Freiwillige ab?

Schiwy: Ja. Bei der Lifeline haben Crewmitglieder abgesagt. Eine wichtige Rolle spielt dabei aber auch der Umgang der Organisationen mit der Situation – ob leichtfertig mit der Sicherheit der Crew umgegangen wird.

Wie ist die derzeitige Lage im Mittelmeer?

Schiwy: Derzeit fahren wohl keine Boote mit Flüchtlingen raus. Aber sie werden wieder fahren. Und die große Frage wird sein, ob es Häfen gibt, die sie aufnehmen. Länder wie Malta und Italien haben eine Aufnahme bereits abgelehnt. Welche Bedeutung eine solche Weigerung für die Menschen auf den Schiffen bedeutet, sieht man aktuell am Beispiel der Sea-Watch 3, die weder in Italien noch in Malta anlegen darf. Der Dokumentarfilm zeigt, dass die Rettungsschiffe keine Luxusliner sind. Es gibt keine Kabinen, stattdessen trennen Planen an Deck einzelne Bereiche, dazu zwei Dixi-Klos. Unter solchen Bedingungen entsteht schnell ein Lagerkoller – und dann wird die Situation unangenehm. Hinzu kommen Dehydrierung und Krankheiten. Die Sea-Watch hat zumindest den Vorteil einer Krankenstation, da sie früher von Ärzte ohne Grenzen betreiben wurde.

Wie ist die Idee für den Filmabend entstanden?

Schiwy: Ich wurde eingeladen, auf einer Demonstration der Seebrücke in Aachen zu sprechen. Dabei habe ich Anna Bartz kennengelernt. Sie war auf der Iuventa. Im Zug zurück saßen wir zusammen und haben überlegt, was wir von Bonn und Bornheim aus tun können. Während Bornheim bisher noch nichts gemacht hat, gibt es in Bonn bereits eine Gruppe, die aktiv ist. Das soll sich in Bornheim ändern. Als Anfang wollen wir nun den Film zeigen.

Ebbt das Interesse an der Flüchtlingsarbeit ab?

Schiwy: Es gibt ein großes Missverständnis. Viele denken, dass Deutschland eine hohe Zahl an Flüchtlingen aus dem Mittelmeer aufgenommen hat. Die realen Zahlen liegen allerdings im niedrigen dreistelligen Bereich. Die Flüchtlinge, die Deutschland aufgenommen hat, kamen jedoch über die Balkanroute. Die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer haben Italien, Malta und Spanien aufgenommen. Diese beiden Bereiche vermengen viele. 2015 war es ein großes Thema, mittlerweile gibt es Ermüdungserscheinungen. In Bornheim gab es riesige Plakate „Refugees Welcome“. Das wäre jetzt nicht mehr vorstellbar. Die Menschen sind mittlerweile ein bisschen genervt, und populistische Kreise haben diese Thematik für sich vereinnahmt.

Was bleibt Ihnen von der Zeit an Bord in Erinnerung – schöne wie auch negative Erfahrungen?

Schiwy: Wir hatten das Schiff von Pia Klemp und ihrer Crew übernommen, die zuvor eine Auseinandersetzung mit der libyschen Küstenwache hatte. Dabei hatte eine Ärztin versucht, ein Kind wiederzubeleben, was ihr nicht gelungen war. Das positive Erlebnis war, als wir eine Frau gerettet haben, die kurz zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatte. Selbst die stärksten Typen an Bord wollten das Baby in den Arm nehmen.

Die Filmvorführung mit anschließender Diskussion findet an diesem Samstag ab 20 Uhr in der Willie Wonka Bar, Pohlhausenstraße 3 in Bornheim, statt. Der Eintritt ist frei.

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