Gefahren und ungeahnte Hindernisse: Eltern testen Schulweg in Bornheim mit Kindern

Gefahren und ungeahnte Hindernisse : Eltern testen Schulweg in Bornheim mit Kindern

Mit dem ersten Schultag wird Emilia aus Kardorf nicht nur im übertragenen Sinn anfangen, ihre eigenen Wege zu gehen. Auf ihrem Schulweg zur Waldorfer Nikolausschule geht für die Erstklässlerin oft die größte Gefahr von Elterntaxen aus.

Emilia ist sechs Jahre alt, 1,26 Meter groß, wohnt in Kardorf und wird nun mit dem ersten Schultag nicht nur im übertragenen Sinn anfangen, ihre eigenen Wege zu gehen. Für Emilia wird der Schulweg, wie für viele andere Kinder, der erste größere Weg sein, auf dem sie alleine unterwegs ist.

Was Kinder auf diesem Gang lernen, so sind sich Experten einig, hilft ihnen auch, sich später auf anderen Wegen zurechtzufinden. Darum lautet ihr Appell an die Eltern, die Strecke als Trainingsweg für ihre Kinder zu nutzen und damit ihre Sicherheit und Selbstständigkeit nicht nur im Verkehr zu fördern.

Markus Hochgartz (42) wünscht sich nicht nur als Grüner Kommunalpolitiker, der sich mit der kollabierenden Verkehrssituation Bornheims, den fehlenden Gehsteigen und Fahrradwegen auskennt, dass seine Tochter Emilia den rund 1,5 Kilometer langen Schulweg von der Kardorfer Babtist-Liebertz-Straße bis zur Waldorfer Nikolausschule möglichst oft zu Fuß geht. Sondern auch, weil er selbst als Schüler die Erfahrung machen konnte, wie wichtig es sein kann, die zu Fuß gegangenen Wege zur Schule kontemplativ zu nutzen.

Dabei ist Emilia die Strecke schon bestens bekannt. Drei Jahre ist sie in den an die Nikolausschule grenzenden Flora-Kindergarten gegangen, den nun ihr dreijähriger Bruder Benedikt ohne seine große Schwester besucht.

Der Höhenunterschied zwischen Wohnung und Schule beträgt rund 55 Meter. Besonders mühsam sind dabei die letzten 300 Meter vor der Schule, die dazu führen, dass das sogenannte „Elterntaxi“ meist das Mittel der Wahl ist. Auch mit dem Fahrrad, das Schulkinder nach dem erfolgreichen Ablegen der Fahrradprüfung im ersten Schuljahr für den Schulweg nutzen dürfen, ist der „Schulberg“ (Sandstraße) anstrengend. „Wir sehen uns die Situation erst einmal an“, meint Vater Hochgartz und spricht damit die Überlegung an, seine Tochter auch mit dem unweit seiner Wohnung abfahrenden Linienbus (745) zur Schule fahren zu lassen.

Ein Problem für Berufstätige

Ihn ärgert immer noch die Abschaffung des Schulbusses, der nun durch den Linienverkehr ersetzt wurde. Obwohl seine Tochter als „Externe“ den Bus kostenlos nutzen kann, was für in Waldorf wohnende Schüler nicht der Fall ist, sei es ärgerlich, betont Hochgartz, dass die Schule nun ihre Anfangszeit dem Busverkehr anpassen muss. „Für manche Eltern ist das ein Problem“, dass die Schule erst um acht Uhr ihre Türen öffnet und nicht wie zuvor bereits zehn Minuten früher, so Hochgartz. Das bringe bei einigen Berufstätigen den minuziös getakteten Tagesbeginn durcheinander.

Er befürchtet, dass der daraus resultierende Zeitdruck ein zusätzliches Unfallrisiko in sich birgt, wenn Eltern ihr Kind mit dem Auto zur Schule bringen. „Brenzlige Situationen mit abfahrenden, rückwärts setzenden oder entgegenkommenden Fahrzeugen habe ich vor der Schule schon oft genug erlebt“, sagt Emilias Vater. So hält er auch diesen letzten Abschnitt des Schulweges für den gefährlichsten.

Auf Initiative der Schulpflegschaft hat die Nikolausschule inzwischen auf der Sandstraße in Sichtweite der Schule eine Hol- und Bringzone eingerichtet. Hochgartz nennt zudem einen Parkplatz am Waldorfer Friedhof (Husenbergweg), von dem aus die per Elterntaxi gebrachten Kinder in Kleingruppen den Rest des Schulweges (etwa 400 Meter) zu Fuß gehen können. Da es sich dabei um den letzten Anstieg bis zur Schule handelt, können Eltern ihre Kinder bis zum Erreichen der Schule sehen.

Parkende Autos als gefährliche Hindernisse

Auch wenn Familie Hochgartz in den ersten Schultagen noch ausprobieren wird, ob der Fußweg letztlich die richtige Lösung für ihre Tochter sein wird, machte sich Emilia mit Vater und Bruder schon einmal übungsweise auf den Weg. Und nun wird klar, warum am Anfang des Berichts Emilias 126 Zentimeter Körpergröße erwähnt wurden: Ihre Augenhöhe erlaubt es nicht, über Autos zu sehen. Schon ein VW Golf ist etwa 20 Zentimeter höher, von einem SUV ganz zu schweigen. Damit wird jedes parkende Auto für einen Erstklässler zum gefährlichen Hindernis. Es fehlt ihm im wahrsten Sinne des Wortes der Überblick. Auch das Einschätzen der Geschwindigkeit eines nahenden Autos oder Fahrrads müssen die jüngeren Schüler erst noch lernen. Hier sind die Autofahrer gefragt: sie müssen versuchen, den Verkehr aus Kinderaugen wahrzunehmen.

Emilias Schulweg führt größtenteils durch die ihr vertraute Siedlung. Es gibt keine Ampeln oder Verkehrsinseln. Tückisch ist für sie nur die Stelle, an der sie die Katzentränke an einer Kurve unweit der Blumenstraße überqueren muss.

Ein Ärgernis ist in den Augen ihres Vaters das als Spielstraße ausgewiesene und gepflasterte Schleifgässchen: Eine aus der Mitte heraus versetzte Rinne lässt einen Teil der Straße für Kinderaugen als Gehweg erscheinen. Doch werden die Kinder an mehreren Stellen von Pflanzbeeten und parkenden Autos zum Ausweichen auf die Straßenmitte gezwungen.

Auch der sich in der Verlängerung fortsetzende Feldweg, der vielfach als Schulweg genommen wird und offiziell für Autos gesperrt ist, ist nicht so ungefährlich wie es scheint. Die Strecke wird gerne von Autofahrern als Abkürzung genutzt. Dort hilft nur das Ausweichen ins seitliche Gras.

Und wenn man dort einmal steht und sich zum Tal hinwendet, wird man vielleicht – wie Emilia zu ihrem Papa – ausrufen: „Guck' mal Papa, da unten liegt die Welt!“

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